Leise Revolution auf vier Rädern
Wer heute beispielsweise auf der Düsseldorfer Schloßstraße unterwegs…
Im Andreas Quartier eröffnet eine Dependance des legendären Il Punto. An den Wänden hier wie in Berlin: Bilder von Kanzlerfotograf Konrad Rufus Müller, die zum Austausch inspirieren sollen.
Kurz vor der Eröffnung (v.l.): Brigitte Lünstroth, Uwe und Manuela Schmitz und Giuseppe „Peppe“ Perna im Il Punto
Mit dem Il Punto bereichert nicht nur ein weiterer gehobener Italiener die Stadt. Mit der Dependance des Berliner Kult-Restaurants zieht wieder Geschichte ins im ehemaligen Justizgebäude beheimatete Andreas Quartier. Uwe Schmitz, Gründer und Vorstand der Frankonia Eurobau AG, die das Quartier entwickelt hat, hat dabei allerdings mehr als nur kulinarische Aspekte im Blick. Wie im Il Punto gegenüber vom Potsdamer Platz prägen auch an der Mühlenstraße die berührenden Schwarz-Weiß-Fotografien von Konrad Rufus Müller das Ambiente und zeichnen ein Bild deutscher Demokratiegeschichte. Denn Müller, der als Kanzlerfotograf bekannt wurde, hat fast alle Bundeskanzler porträtiert. Zuerst in Bonn, als dort noch die Regierung saß, später in Berlin.

„Da ich ihn sehr bewundere, ist mir das nachdenkliche Bild von Willy Brandt das liebste“, sagt Brigitte Lünstroth über die Fotos ihres 2023 verstorbenen Mannes im Il Punto. „Es macht ihn nahbar, zeigt den Menschen hinter dem Politiker – mit all seiner Kraft und all seiner Verletzlichkeit.“ Es ist nicht das einzige Porträt Brandts, das im neuen Il Punto hängt: Schließlich hat Müller, der sich sehr für den Politiker interessierte, dem frühen Wegbereiter der Wiedervereinigung zwei Bücher gewidmet. Aber auch weitere Kanzlerfotos von Müller sind dort zu sehen: von Konrad Adenauer bis Olaf Scholz – Friedrich Merz hat er als Kanzler nicht mehr erlebt. „Wir wollen mit dem Il Punto auch in Düsseldorf einen Ort schaffen, an dem man nicht nur exzellent essen kann, sondern an dem wir Menschen zusammen- und durch die Kunst Müllers miteinander ins Gespräch bringen“, sagt Uwe Schmitz. Dafür hat er den Wirt des legendären Berliner Politikertreffs Giuseppe Perna ins Boot geholt. Denn in der Bundeshauptstadt umsorgt Perna, wie zuvor in seinem Bonner Il Punto, Entscheidungsträger. Nicht nur mit hochkarätiger Beköstigung, sondern vor allem mit der unverzichtbaren Diskretion: Alle Kanzler der Bundesrepublik waren bei ihm schon zu Gast. „Allein Helmut Kohl habe ich 16 Jahre lang betreut“, sagt der erfahrene Gastronom, der von allen nur Peppe genannt wird. Er hat auch den Kontakt zwischen Schmitz und Müller vermittelt. „Ich hatte bei Perna Müllers Kanzlerbilder gesehen und wollte einige kaufen“, sagt Schmitz.
Besonders stolz ist er auf das erste, das er erwarb. Es zeigt Helmut Kohl mit dem damaligen russischen Generalsekretär Michail Gorbatschow in gestenreicher Verhandlung über die deutsche Einheit im Garten des Bonner Kanzlerbungalows. Dieses Original ist auf den 14. Juni 1989 datiert und von beiden Politikern signiert. „Weil er wusste, dass mein Mann loyal war, hat Kohl ihn auch auf viele seiner Reisen mitgenommen“, berichtet Brigitte Lünstroth. So zeigt ein weiteres Foto Kohl bei einem Spaziergang mit dem ehemaligen Präsidenten Frankreichs François Mitterrand, bei dem der CDU-Politiker ihn um die Unterstützung für die Wiedervereinigung bat – und sie nach einiger Überredung auch bekam. „Bevor dieses Bild entstand, hatte Kohl lange allein mit Mitterand im Wagen gesessen, wie mir mein Mann erzählte. Und erst, als dieser bereit war, der Wiedervereinigung zuzustimmen, hat Kohl ihn hinausgelassen“, berichtet Brigitte Lünstroth.

„Jedes der Bilder in unserem Il Punto erzählt eine Geschichte“, sagt Manuela Schmitz, die gemeinsam mit ihrem Mann das Restaurant betreibt. Dieses soll kein klassischer Politikertreff werden, doch durch Müllers Kunst zum Nachdenken anregen. „Denn Kunst verbindet, regt zu Gesprächen an.“ Das gilt auch für gute Bewirtung. Dafür zeichnet im neuen Il Punto Dario Randazzo als Chef di Cucina verantwortlich. An der Mühlenstraße wird er zwar nicht eins zu eins dieselbe Speisen- und Weinkarte präsentieren wie in Berlin, „aber wer das Berliner Restaurant kennt, wird seine Qualitäten in unserem Andreas Quartier wiederfinden“, sagt Uwe Schmitz. Was genau dort serviert wird, war übrigens zu Redaktionsschluss noch nicht offiziell – die Eröffnung des Il Punto stand kurz bevor: am 3. Oktober, dem Tag der Deutschen Einheit.

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