Leise Revolution auf vier Rädern
Wer heute beispielsweise auf der Düsseldorfer Schloßstraße unterwegs…
Alain Bieber ist Kulturmanager, Kurator, Sportsfreund und Gastgeber.
Zehn Jahre prägte er mit kühnen Ideen das künstlerische Profil des NRW Forums. Ende 2025 stieg Alain Bieber aus dem Museumsbetrieb aus und begab sich mit der Gründung von „Balla Balla“ in die Tischtennis-Welt. Im großflächigen Pop-up-Store im Düwell, dem früheren Stilwerk, gelang ihm die Verbindung von Kunst und Sport. Bilder und Comics an den Wänden, Bücher und Karten auf den Tischen, alles zum Verkauf. Eine anregende Mixtur – aber eine mit zeitlicher Befristung, von Anfang an. Inzwischen hat er diese Location verlassen. Monatelang suchte er nach einer geeigneten neuen Bleibe und fand sie schließlich im quirligen Pempelfort. Im Juni eröffnete er seine „Ping Pong Bar“ an der Derendorfer Straße. Das ursprüngliche Balla Balla-Konzept hat Alain Bieber abgespeckt. Seine wichtigste Entscheidung: Es wird dort künftig keine Kunst mehr angeboten. „Mein Beruf ist nicht der eines Galeristen“, begründet er. „Viel mehr sehe ich mich als Gastgeber.“
Ein breit gefächerter Begriff. Er lässt sich kulinarisch verstehen, aber auch bezogen auf Einladungen zu Events. Um beides kümmert sich Alain Bieber in der Ping Pong Bar. An der Theke im Eingangsbereich, meterlang überzogen mit Tischtennisschlägern unter Acrylglas, werden „Signature Cocktails“ gemixt, exotische Drinks mit fantasievollen Namen. Dazu gibt es verschiedene Snacks, häufig, wie die Pommes, in Bällchen-Form, ganz im Zeichen des Tischtennis. Denn der Hauptakzent liegt nach wie vor auf diesem Sport. Alain Bieber organisiert Turniere und private Feiern, auch musikalischer Art wie im Juni die „Italo Disco Aperitivo“ mit sommerlichen Sounds und DJ. Auch bei „Chefs in Town“ im September wird er sich mit dem „Vegan Spaceboy Foodtruck“ beteiligen. „Balla Balla ist dein neuer Spielplatz für Cocktails, Tischtennis und nette Menschen“, verkündet die Werbung.

Die netten Menschen, das hat er schon nach wenigen Wochen gemerkt, mögen die lässige Bar. Laufkundschaft findet jetzt leichter den Weg zu ihm. Gespielt wird an vier Platten in zwei Räumen, jede bekam eine bestimmte Bedeutung zugewiesen. „Ballhalla“ heißt die leuchtende Stiga Showcourt-Platte direkt im Schaufenster und neben der Bar. „Discorama“ sind die zwei Platten nebeneinander mit Schwarzlicht und glitzernder Discokugel. Die „Pinkpong“-Platte steht im separaten pink gestrichenen Raum mit verspiegelten Bullaugen. Da ist die gute Laune schon eingepreist. Wer einen kleinen sportlichen Push braucht, ein paar Tipps, ein besseres Gefühl für den Ball, ein neues Timing, kann auch Einzeltrainings buchen.
„Ich glaube an das soziale Miteinander beim Tischtennis.“
Alain Bieber
Alain Bieber hat selber Freude an diesem Sport, den er seit Jugendtagen ausübt. Auch bei Turnieren macht er gerne mit. Vorbilder für sein Balla Balla-Konzept entdeckte er in anderen europäischen Ländern. „Ich glaube an das soziale Miteinander beim Tischtennis“, sagt er. „Es ist ein niedrigschwelliges Angebot. Man kann in jedem Alter damit anfangen und lange dabeibleiben. Die Leute haben Spaß am analogen Spiel, sie sehnen sich geradezu danach.“ Bemerkenswert: Gerade er setzte doch ganz früh auf künstliche Intelligenz und beschäftigte sich intensiv mit digitalen Projekten. Man denke an die zu Corona-Zeiten von ihm initiierte Augmented Reality-Biennale am NRW-Forum. Ein Open-Air-Skulpturenpark, der AR-Technologie und Apps für Projektionen virtueller Kunstwerke im Hofgarten nutzte. „Ich habe KI nie verteufelt, ich benutze sie ja selber tagtäglich“, räumt er ein. „Aber man muss sich der Risiken bewusst sein, was daraus entstehen kann.“
Da sind wir wieder bei seiner Arbeit als Museumsleiter. Bieber erinnert sich gern an die besonders publikumswirksamen Ausstellungen, die er entwickelt und kuratiert hat. Ganz schön verrückte Sachen seien dabei gewesen, sagt der 47-Jährige und lacht. Etwa, als Künstler in einer Rakete im Museum übernachteten, aus der sie dann morgens stiegen, vor den Augen der ersten Besucher, „das hatte etwas von einem 70er-Jahre-Happening.“ Oder der 42 Stunden umfassende Meta-Marathon, ein Nonstop-Festival für digitale Kultur und Zukunftstechnologien, darunter künstliche Intelligenz und Robotik. Das Event lud Teilnehmer dazu ein, interaktiv zu forschen, Workshops zu besuchen und direkt im Museum ihr Nachtlager aufzuschlagen.

„Wir waren derart innovativ, dass die Menschen es zuerst oft gar nicht verstanden haben“, erinnert er sich. Selbst im Team habe es gelegentlich Irritationen gegeben. Zu seinem Kunstbegriff gehörten Ironie, Humor und Reibung bis hin zum Schock. Zumindest damals. „Ich war ein junger Wilder und ging keiner Provokation aus dem Weg“, gibt er zu. „Heute, wo ich älter und reifer geworden bin, hat sich meine Haltung dazu verändert.“ Immerhin aber verabschiedete er sich mit einem Paukenschlag vom NRW-Forum: mit der vieldiskutierten und Wellen von Empörung auslösenden Ausstellung „Sex now“, die bis Mai 2026 zu sehen war. Voriges Jahr hatte sich das Bedürfnis, sein eigener Herr zu sein, verstärkt. „Nach zehn Jahren war es an der Zeit für einen Neubeginn. Außerdem“, fragt er mit einem Schmunzeln, „was kann nach Sex noch kommen?“
„Art, fun and social, das treibt mich an.“
Alain Bieber
Schon lange vor Balla Balla beschäftigte sich Alain Bieber mit zahlreichen eigenen Projekten. Er war Redakteur beim Kunst-Magazin „Art“, Leiter der Plattform „Arte Creative“, produzierte eine Kurzfilm-Serie über Kunst für Tiktok. Mit seiner 2023 gegründeten Entertainment-Firma Anna Blume, benannt nach dem dadaistischen Gedicht von Kurt Schwitters, bietet er „Geschichten in Bildern“ an, begleitet Kunden von der ersten Idee bis zum viralen Clip. Sein Anspruch: Humor und Haltung, Sinnlichkeit und emotionale Tiefe. „Art, fun and social, das treibt mich an“, fasst der Journalist und Kulturmanager zusammen.
Reicht eigentlich für ein erfülltes kreatives Leben. Doch da gibt es tatsächlich noch einen bisher unerfüllten Traum, der einen ganz anderen Charakter aufweist. Bieber ist ein passionierter Koch, „vielleicht weil ich Halbfranzose bin“. Ihn lockt die Gastronomie. „Ein eigenes Restaurant und dann möglichst ein Stern, das ist mein Zehnjahres-Plan“, verrät er. „Die Kulinarik ist auch eine Kunstform. Sie bringt Menschen zusammen. In diesem Bereich sehe ich mich ebenfalls als Gastgeber. Damit würde sich ein Kreis schließen.“

Sie müssen den Inhalt von reCAPTCHA laden, um das Formular abzuschicken. Bitte beachten Sie, dass dabei Daten mit Drittanbietern ausgetauscht werden.
Mehr InformationenSie sehen gerade einen Platzhalterinhalt von reCAPTCHA. Um auf den eigentlichen Inhalt zuzugreifen, klicken Sie auf die Schaltfläche unten. Bitte beachten Sie, dass dabei Daten an Drittanbieter weitergegeben werden.
Mehr Informationen