Leise Revolution auf vier Rädern
Wer heute beispielsweise auf der Düsseldorfer Schloßstraße unterwegs…
Vor Kurzem hat der Präsident des Comitee Düsseldorfer Carneval den Verdienstorden des Landes NRW erhalten. Doch nicht nur dieser zeichnet Lothar Hörning aus.
Der CC-Präsident vor dem Haus des Karnevals: Seit April 2024 steht Lothar Hörning dem Dachverband des Düsseldorfer Karnevals vor.
Bocholt kennt man eher weniger als Hochburg des Karnevals. Und doch nimmt dort eine höchst bemerkenswerte jecke Karriere ihren Anfang. Lothar Hörning, gebürtiger Bocholter und seit gut zwei Jahren Präsident des Comitee Düsseldorfer Carneval (CC), hat kürzlich den limitierten Verdienstorden des Landes Nordrhein-Westfalen bekommen. Damit erhielt er eine der ranghöchsten Auszeichnungen NRWs – für sein ehrenamtliches Engagement im Karneval und für die Gesellschaft. „Den Orden teile ich gerne mit allen, die sich in unserer Stadt für den Karneval engagieren“, sagt er. Er selbst ist zu Beginn der 1990er-Jahre in Bocholt mit dem Karneval in Kontakt gekommen und noch heute, mehr als 30 Jahre später, Mitglied bei Lachparade Bokelt Ost in seiner Heimatstadt, berichtet Hörning. Zunächst feierte er dort einfach nur mit, stand dann für den Verein auch auf der Bühne, schließlich übernahm er die Aufgaben des Präsidenten. „Irgendwann wollte ich Karneval nicht nur feiern, sondern mitgestalten“, erzählt er.
1996 kam die Zäsur: Lothar Hörning outete sich als homosexuell, ließ sich scheiden und zog weg aus Bocholt. „Aber auch in Düsseldorf wollte ich nicht ohne Karneval sein.“ Hier feierte er ebenfalls erst einmal mit, beobachtete die Strukturen hinter dem jecken Treiben, wurde dann selbst aktiv: Angeregt durch die Kölner Rosa Sitzung entwickelte er die Idee, in Düsseldorf einen schwul-lesbischen Karnevalsverein zu gründen. So entstand am 14. April 2000 die KG Regenbogen, nach eigener Aussage heute der größte schwul-lesbische Karnevalsverein Deutschlands. „Der Verein steht wie der Karneval selbst für eine Lebenskultur ohne Denkverbote, für Offenheit, Vielfalt und Solidarität – das kommt mir sehr entgegen“, sagt Hörning. „In allen meinen Ämtern konnte ich diese Freiheit immer leben.“ Eins davon war die elfjährige Präsidentschaft der KG Regenbogen, während derer der Verein auch die Organisation von „Tunte lauf“ übernahm, einem kunterbunten Kult-Event im Wettstöckeln auf High Heels, dessen Erlös noch heute an die Aidshilfe Düsseldorf geht. Nicht zuletzt auch durch die KG Regenbogen habe sich die Sicht auf Homosexualität im Brauchtum verändert, sagt Hörning. „Vielfalt wird in Düsseldorf bejaht, statt nur toleriert. Das merkt man auch beim Rosenmontagszug, wenn die Leute sagen ,da kommt die KG Regenbogen. Die sind so schön bunt, die strahlen so viel Lebensfreude aus‘.“
„Vielfalt wird in Düsseldorf bejaht, statt nur toleriert.“
Lothar Hörning, Präsident Comitee Düsseldorfer Carneval
Ritterschlag: Prinz Karneval
Der erste Ritterschlag für ihn und damit für die KG Regenbogen kam gerade einmal acht Jahre später: Mit Ute Heierz-Krings bildete Lothar Hörning das Prinzenpaar der Session 2008/2009 und war der erste offen homosexuell lebende Obernarr Düsseldorfs. „Prinz Karneval zu sein, das war, wie Wimbledon zu gewinnen, das war der Höhepunkt meines Lebens“, sagt Hörning. „Aber ohne die Unterstützung meiner Vereinskollegen nicht zu meistern.“

An einen von ihnen, Andreas Mauska, übergab er 2011 das Präsidentenamt der KG Regenbogen. Denn: „Ein Verein muss leben können und sollte nicht dauerhaft an nur einer Person festgemacht werden“, erklärt Hörning.
Seine anschließende „karnevalistische Arbeitslosigkeit“ währte allerdings nicht lange. Nach nur zwei Sessionen betreute er erst die Jugend der „Prinzengarde Düsseldorf“ – die der Tonnengarde coacht er noch heute. Dann kam die Prinzengarde „Blau-Weiss“ auf ihn zu, die ihn 2019 mit überwältigender Mehrheit zu ihrem Präsidenten wählte. „Blau-Weiss liegt mir sehr am Herzen, und es ist mir sehr schwergefallen, meine aktive Rolle dort aufzugeben. Aber ich musste mich entscheiden, ob ich ,Manager‘ im Verein bleiben oder im Dachverband als Präsident gestaltend mitwirken und den Karneval insgesamt im CC-Team nach vorne bringen wollte.“

Seit April 2024 füllt er das Amt des CC-Präsidenten aus – mit großer Wirkung. So stand 2025, und damit eigentlich viel zu kurz nach seiner Wahl, die Feier zu 200 Jahre Düsseldorfer Karneval an – eine enorme Aufgabe, die das CC-Team und er nicht einfach nur bewältigten, sondern mit vielen Innovationen zu glanzvollem Erfolg brachten. Seinen krönenden Abschluss fand der runde Geburtstag in einer besonderen Gala. Es wurde in der Tonhalle gefeiert, mit 1.800 Jecken. „Karneval an diesem Ort und in dieser Qualität: Das hatte es nie zuvor gegeben. Dafür gebührt insbesondere meinem Vizepräsidenten Stefan Kleinehr großer Dank“, sagt Hörning.
Ehrungen fürs Engagement
Seitdem Lothar Hörning CC-Präsident ist, steht er noch stärker im Licht der Öffentlichkeit. Nicht nur ist er bei Empfängen und Netzwerktreffen häufiger und gern gesehener Gast. Darüber hinaus wurde sein Engagement bei der Gala der Rheinischen Post „Düsseldorfer des Jahres 2025“ in der Kategorie Sonderpreis gewürdigt. Und nun bekam er den zweiten Ritterschlag: den Landesverdienstorden.

Doch mit dem Brauchtum allein ist Hörning wohl doch nicht so ganz ausgelastet: „Ich bin eigentlich 24 Stunden täglich im Einsatz, aber, was man mit Freude tut, gibt Kraft. Seit meiner Rente bin ich unter anderem Geschäftsführer und Restaurantleiter in Teilzeit bei der Brauerei Schumacher. Und ich bin als Trau- und Trauerredner aktiv. Gerade Letzteres bedeutet mir viel, weil ich dabei Menschen in Freud und Leid begleiten kann und damit einen anderen Blick auf das Leben bekomme. Ein wichtiger Ausgleich zum Karneval.“

Ein Motto, das verbindet
Stolz ist der CC-Präsident auch darauf, dass das jeweilige Sessionsmotto und -logo alle Düsseldorfer Vereine verbindet. Und so wird es auch in dieser Session sein: „Karneval – Grenzenlos vereint“ steht für ein Miteinander ohne Schranken, für Gemeinschaft, Offenheit und Zusammenhalt und damit für alle Aspekte des Lebens, die Lothar Hörning am Karneval so liebt und die zu stärken ihn anspornt: „Ich möchte etwas für Düsseldorf tun. Die Mottowagen beim Rosenmontag müssen bissig bleiben, die Hoppeditz-Rede noch schärfer werden. Und in Sachen Musik müssen wir auch noch etwas bewegen“, sagt er. Wie das alles zu leisten ist? „Das geht nur im Team mit meinen zehn Vorstandskolleginnen und -kollegen und den knapp 70 CC-Vereinen. Uns alle treibt die Freude an, dass die Menschen Karneval feiern, Gemeinschaft erleben und einfach sie selbst sein können.“
Er selbst wird übrigens bald wieder etwas Besonderes feiern – privat und ein bisschen größer. Am 2. Februar wird Lothar Hörning 66., ein närrischer Geburtstag: „Denn“, sagt Lothar Hörning, „mit 66 Jahren fängt das Leben an.“
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