Leise Revolution auf vier Rädern
Wer heute beispielsweise auf der Düsseldorfer Schloßstraße unterwegs…
Immer noch ist nur jede dritte Führungskraft in Deutschland eine Frau – obwohl Studien belegen, dass Frauen kooperativer, demokratischer und mitarbeiterorientierter führen, und gemischte Führungsteams für die Unternehmen fast immer erfolgreicher sind. In Düsseldorf ist der Anteil von Frauen in Führungspositionen stetig gewachsen – und wächst weiter.
Etliche Düsseldorfer Unternehmen werden – sowohl größere als auch kleinere – von einer Frau geführt oder besetz(t)en ihren Vorstand mit mindestens einer Frau. So war Karin-Brigitte Göbel jahrelang Vorstandsvorsitzende der Stadtsparkasse Düsseldorf, und mit Henrietta Six ist auch weiterhin eine Frau im Vorstand. Dr. Charlotte Beissel war lange Zeit Vorstandsmitglied der Stadtwerke Düsseldorf, die Düsseldorfer Rheinbahn wird von Annette Grabbe geführt, die Vorstandsvorsitzende der Targobank heißt Isabelle Chevelard, mit Susanne Wege hat auch das Unternehmen Teekanne seit Kurzem eine Frau an der Spitze, und zur Spielzeit 2027/2028 wird Ina Karr Generalintendantin der Deutschen Oper am Rhein – um nur einige wenige zu nennen. In den vergangenen Monaten haben in der Landeshauptstadt insbesondere in eher männlich dominierten Branchen Frauen Führungspositionen übernommen – wir haben mit einigen von ihnen gesprochen.
„Wenn man die Zukunft mitgestalten will, muss man sich engagieren.“
Özlem Yarar, Vizepräsidentin Handwerkskammer
In der Handwerkskammer
Zwar ist der Frauenanteil bei Inhaberinnen und Inhabern von handwerklichen Einzelunternehmen im Jahr 2024 gegenüber dem Vorjahr um 0,2 Prozentpunkte gestiegen, er liegt aber immer noch bei nur 29 Prozent. Viele Branchen im Handwerk sind auch heutzutage noch stark von Männern dominiert. In der Düsseldorfer Handwerkskammer (HWK) ist allerdings nun die Entscheidungsfindung erstmals ausdrücklich in weiblicher Hand, denn – neben dem langjährigen Präsidenten Andreas Ehlert – wurden Özlem Yarar von Arbeitnehmerseite und Sandra Gronemeier von Arbeitgeberseite im April zu Vizepräsidentinnen gewählt. Für Özlem Yarar ist es ganz normal, sich in einem männerdominierten Berufszweig zu behaupten, denn sie liebt Autos und arbeitet bereits seit ihrer Ausbildung in der Automobilbranche. Heute leitet sie sowohl den kaufmännischen Bereich als auch den Ausbildungsbereich der Düsseldorfer Niederlassung des Automobilkonzerns Stellantis & You. Sandra Gronemeier ist Damenschneidermeisterin und führt ein eigenes Atelier in Düsseldorf – und ist damit in einer eher weiblich geprägten Branche unterwegs. „Ich musste mich allerdings schon sehr früh gegen meinen Vater durchsetzen, einen echten Feministen, der mich lieber in der Werbebranche als in einem klassischen Frauenberuf gesehen hätte“, erzählt sie. Außerdem, so Sandra Gronemeier weiter, habe sie sich als junge Meisterin für ihren Erfolg durchaus auch in frauendominierten Betrieben durchsetzen müssen, insbesondere dann, wenn die Gesellinnen eher im Alter ihrer Mutter waren.
Beiden Frauen ist es wichtig, ihre neuen Führungspositionen zu nutzen, um althergebrachte Strukturen zu verändern, aktiv etwas zu bewegen sowie Frauen im Handwerk Mut zu machen und ihnen mehr Sichtbarkeit zu verschaffen – dabei spielen Kooperation, Austausch und Netzwerken eine große Rolle. Ihr großes ehrenamtliches Engagement halten sie dabei nahezu für selbstverständlich. So ist Özlem Yarar nicht nur Mitglied im Vorstand der Handwerkskammer Düsseldorf, sondern unter anderem auch Mitglied im Prüfungsausschuss bei der IHK Düsseldorf für Automobilkaufleute. Sandra Gronemeier, die wie Özlem Yarar auch der Vollversammlung der HWK angehört, war bereits als Jungunternehmerin in der Nachwuchsorganisation der Handwerksjuniorinnen und -junioren aktiv, führte als Obermeisterin mehr als zwei Dekaden lang die Maßschneider-Innung Düsseldorf und gehörte zudem 15 Jahre lang dem Bundesvorstand ihres Berufsverbands an. „Wenn man die Zukunft mitgestalten will, muss man sich engagieren“, sagt Özlem Yarar überzeugt. Den Begriff „weibliche Führung“ hören die beiden Frauen übrigens nicht so gern. „Führung ist immer individuell. Gute Führung, und zwar von Männern und Frauen gleichermaßen, braucht neben Empathie und eigener Stärke vor allem eine klare Haltung, um den Mitarbeitenden Vertrauen und Orientierung zu geben“, sagen beide übereinstimmend.

In der Digitalisierung
Seit Oktober vergangenen Jahres sind Nadine Thees und seit Dezember Lisa Brauer Geschäftsführerinnen des Digihub. Dessen Ziel es ist, Gründerinnen und Gründer zu unterstützen, Innovationen in der Wirtschaftsregion Düsseldorf/Rheinland zu stärken und die Digitalisierung voranzutreiben. Das tun sie gemeinsam mit einem großen Netzwerk unterschiedlicher Akteure wie Städten und Gemeinden, IHKs, Mittelstand und Corporates, Co-Working-Spaces, Finanzinstituten, Hochschulen und Business Angels. Die beiden sehen sich durchaus in einer Vorbildfunktion, denn gerade in der Start-up-, IT- und Tech-Branche sind Frauen nach wie vor unterrepräsentiert und bekleiden eher selten Führungspositionen. „Wir wünschen uns, dass Frauen auch in dieser Branche endlich Normalität werden“, sagen sie übereinstimmend. Nadine Thees, übrigens trotz beruflicher Karriere Mutter von drei Kindern, kennt dies bereits aus ihrem Grundstudium Wirtschaftsinformatik, war sie doch dort unter 100 Studierenden eine von nur vier Frauen. Dabei verfügen häufig gerade Frauen über das sogenannte „Innovation Mindset“, also die Bereitschaft, positive Veränderungen aktiv zu gestalten und neue Ideen zu entwickeln. „Es gibt aber auch immer noch das Signal an Mädchen, sich doch besser für Kunst anstatt für Mathematik zu entscheiden“, erklärt Lisa Brauer. Sie hat ein duales Studium bei einer Bank absolviert und ist über den Umweg Marketing und Kommunikation sowie Einzelhandel – sie hat mal einen Shop einer Schmuckmarke mit einem rein weiblichen Team geleitet – in die IT-Branche gekommen. Bereut hat sie diesen Schritt nie.
Bei ihrer Arbeit ergänzen sich die beiden Frauen perfekt. „Es gibt sehr viele Themen, für die unterschiedliches Können gefragt ist, und das passt bei uns beiden sehr gut. Zudem gibt es eine Reihe repräsentativer Aufgaben, die wir gut untereinander aufteilen können“, erklärt Nadine Thees. Längst sind die Frauen auch freundschaftlich miteinander verbunden und stärken sich stets gegenseitig den Rücken. Es ist ihnen ein großes Anliegen, auch weitere Frauen zu unterstützen und ihnen Mut zu machen – unter anderem mit der Initiative „SHE Innovates Tech Club“, die Gründerinnen, Unternehmerinnen und Selbstständigen Vernetzung, Förderung und Sichtbarkeit bietet. Insgesamt wünschen sich die beiden für die Zukunft aber wieder mehr Tatendrang und mehr Lust, den Wohlstand zu erhalten, mehr Lust auf Gründungen und mehr Innovationsgeist – und zwar nicht nur bei Frauen.

In der Automobilbranche
Claudia Malkus leitet seit Oktober vergangenen Jahres als erste Frau das Sprinterwerk von Mercedes-Benz in Düsseldorf und ist damit Chefin von rund 5.500 Mitarbeitenden. Schon als Kind waren Autos für sie so normal wie für andere Kinder Puppen oder Comics. „Ich bin als ‚Papakind‘ groß geworden – Automobil gehörte einfach zum Alltag. Technik, Handwerk, Dinge selbst verstehen und machen – das hat mich schon sehr früh fasziniert. Gleichzeitig war da immer diese Begeisterung für Dynamik, für Geschwindigkeit und für dieses gewisse Adrenalin, das man spürt, wenn sich etwas bewegt“, erzählt sie. Ihre zweite große Leidenschaft neben dem Automobil sind die Naturwissenschaften, stets mit der Neugier, Dinge zu verstehen, zu entdecken und zu hinterfragen. Darüber hinaus arbeitet sie gern in einem Team mit Menschen zusammen. „Dieser Dreiklang aus Technik, Naturwissenschaft und Teamarbeit hat für mich den Weg in die Führung ganz klar vorgezeichnet. Mensch und Maschine zusammenzubringen – das ist das, was mich wirklich begeistert“, erläutert sie ihre Philosophie. Dabei macht gute Führung für sie die Kombination aus Klarheit und Begeisterungsfähigkeit aus. Gleichzeitig, so Claudia Malkus, sei ihr eines besonders wichtig: ein möglichst buntes, vielseitiges Team. „Unterschiedliche Stärken, unterschiedliche Perspektiven, unterschiedliche Hintergründe. Genau daraus entsteht Leistung. Ich suche Vielfalt in Fähigkeiten und Denken“, sagt sie überzeugt. Damit mehr Frauen ihrem Beispiel folgen und in eher männerdominierten Branchen Karriere machen, rät sie Berufsanfängerinnen, mutig zu sein und sich selbst etwas zuzutrauen. Und sie ermutigt Familien, ihre Töchter früh für diese Themen zu begeistern. „Mein Papa hat das bei mir gemacht. Wir haben gebaut, geschraubt, ausprobiert. Ich hatte große Lego-Kisten und habe Dinge entstehen lassen. Mich hat fasziniert zu verstehen: Wie funktioniert das eigentlich? Warum fährt ein Fahrrad? Wie greifen Dinge ineinander? Und ich wollte immer alles selbst können“, sagt sie begeistert. Ein guter Grund für Claudia Malkus, sich ganz bewusst zu engagieren, etwa in der Ausbildung, bei Aktionen wie dem Girls‘ Day und diversen internen Mentoringprogrammen. „Wir müssen Räume schaffen, in denen junge Menschen – insbesondere Mädchen – Technik erleben können.“
„Ich suche Vielfalt in Fähigkeiten und Denken.“
Claudia Malkus, Produktions- und Standortleitung des Mercedes-Benz-Werks Düsseldorf
In der Architektenkammer
Die Architektenkammer Nordrhein-Westfalen ist die berufsständische Vertretung der Architektinnen und Architekten, Innenarchitekten, Landschaftsarchitekten und Stadtplaner in NRW und hat mehr als 33.000 Mitglieder. Seit März dieses Jahres ist Katja Domschky die erste Präsidentin und führt die Kammer gemeinsam mit ihren drei Vizepräsidentinnen Gesche Arns-Büsker, Dagmar Grote und Friederike Proff. Damit wird die größte deutsche Architektenkammer erstmals in ihrer 56-jährigen Geschichte von Architektinnen geführt. Eine weitere Besonderheit ist, dass Katja Domschky nicht aus einem der großen Architektenverbände wie beispielsweise dem Bund Deutscher Architektinnen und Architekten (BDA) oder dem BDB (Bund deutscher Baumeister) kommt, sondern aus der Architektinnen Initiative NW e. V. (AI NW). Dieser Berufsverband engagiert sich bereits seit 1991 für Gleichberechtigung und faire Arbeitsbedingungen in der Baubranche. Katja Domschky ist studierte Architektin. Sie hat rund zehn Jahre in diesem Beruf gearbeitet, bevor sie berufsbegleitend den Masterstudiengang Architektur Mediamanagement für Architekturvermittlung absolvierte und sich 2004 mit einer eigenen Agentur selbstständig machte. Seitdem unterstützt sie Firmen und Institutionen der Architektur- und Ingenieurbranche bei Kommunikation und Marketing und engagiert sich ehrenamtlich sowohl bei der AI NW als auch bei der Architektenkammer NRW.
„Wir wollen innerhalb des Präsidiums als Team auftreten und Aufgaben und Fachthemen unter uns aufteilen.“
Katja Domschky, Präsidentin der Architektenkammer
„Dass ich als Vertreterin der Architektinnen Initiative tatsächlich Präsidentin der – lange Zeit männerlastigen – Architektenkammer geworden bin, erfüllt mich mit großer Freude und auch mit ein wenig Genugtuung“, sagt Katja Domschky. So sei die AI NW in den vergangenen Jahren häufig nicht ernst genommen worden, weil es in dem Verband angeblich nur um „Frauenthemen“ gehe, erklärt sie. Nun freut sie sich, dass das neue Amt ihr die Gestaltungsmacht verschafft, ihren Berufsstand zukunftsfähig aufzustellen: Sie möchte nicht nur verwalten, sondern aktiv gestalten. Dass dazu, neben klassischen Architekturthemen, auch Themen wie Chancengleichheit für Frauen oder der Gender Pay Gap, der in der Architekturbranche immer noch bei rund 26 Prozent liegt, gehören, versteht sich von selbst. „Die Kammer ist mit ihren 56 Jahren genauso alt wie ich – da knirscht es an der einen oder anderen Stelle. Es gibt auf jeden Fall Optimierungsbedarf“, sagt die neue Präsidentin überzeugt. Und deshalb wird es in der nächsten Zeit eine Menge frischen Wind geben, denn sie wird sicher manches anders machen als ihr Vorgänger. Sie legt größten Wert auf eine partnerschaftliche Zusammenarbeit auf Augenhöhe, und zwar sowohl mit den Gremien als auch mit der Geschäftsstelle und natürlich mit ihren drei Vizepräsidentinnen. „Wir wollen innerhalb des Präsidiums als Team auftreten und Aufgaben und Fachthemen unter uns aufteilen, denn jede von uns hat ihre Kernkompetenzen und wird entsprechend Aufgaben übernehmen“, sagt sie.

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