Leise Revolution auf vier Rädern
Wer heute beispielsweise auf der Düsseldorfer Schloßstraße unterwegs…
Sarah Nadler möchte alle 197 Länder der Erde kennenlernen – 102 hat sie schon besucht. Während eines neunmonatigen Sabbaticals hat sie allein 36 Länder bereist.
Wann immer Sarah Nadler die Möglichkeit hat, geht sie auf Reisen, denn sie will unbedingt die Welt sehen, und zwar abseits üblicher Touristenrouten. „Ich bin neugierig darauf, immer wieder Neues kennenzulernen, und möchte mit den Menschen in den Ländern, die ich bereise, ins Gespräch kommen, erfahren, wie sie leben“, erklärt die 36-Jährige. So ist sie, bis auf wenige Ausnahmen, stets allein unterwegs, schließt sich nur manchmal geführten Touren an, nutzt fast ausschließlich öffentliche Verkehrsmittel und übernachtet, wann immer es möglich ist, nicht in Hotels, sondern kommt bei Familien unter, mietet mal ein Apartment oder campt. „Ich versuche so zu tun, als würde ich in dem jeweiligen Land leben. Das bedeutet dann auch, in einem total überfüllten, klapprigen Bus mal 14 Stunden unterwegs zu sein – nicht unbedingt schön und sicher nicht für jeden geeignet, aber sehr kommunikativ und deshalb für mich genau richtig“, sagt sie. Wichtiger Begleiter ist stets ihr 50-Liter-Rucksack, in dem – neben Wanderstiefeln – Sandalen, Flipflops und ein Kleid niemals fehlen dürfen.
Als Beamtin der Landesregierung NRW – sie ist in der Abteilung Öffentlichkeitsarbeit zuständig für Medienbeobachtung und -auswertung – hatte Sarah Nadler ab August vergangenen Jahres die Möglichkeit, während einer Auszeit, die sie ihr „Sarahbbatical“ nennt, neun Monate lang unterwegs zu sein. Und weil Zentralasien recht weit oben auf ihrer Bucket List stand, war Turkmenistan ihr erstes Ziel – nur den Flug dorthin hatte sie von zu Hause gebucht. Die gesamte weitere Organisation hat sie jeweils vor Ort dem Verlauf ihrer Reise angepasst. Faszinierendes Highlight ihres Aufenthalts in Aschgabat, der Hauptstadt Turkmenistans, waren neben dem größten Indoor-Riesenrad der Welt – es ist vollständig von einem gläsernen Gebäude umschlossen – die fast ausschließlich weißen und stets blitzsauberen Gebäude und Autos. So wird Aschgabat auch „Stadt des weißen Marmors“ genannt. „Dunkle oder schmutzige Autos werden häufig von der Polizei gestoppt“, hat sie dort zu ihrer Überraschung erfahren. Nicht fehlen durfte auch ein Besuch des seit mehr als 50 Jahren brennenden, 70 Meter breiten Gaskraters in der Karakum-Wüste, der auch das „Tor zur Hölle“ genannt wird.
Über Usbekistan ging ihre Reise weiter nach Afghanistan. Dieses Land hatte sie, obwohl es derzeit aufgrund der Regierung der Taliban insbesondere für Frauen nicht ganz ungefährlich ist, besonders interessiert. Deshalb war sie dort – gemeinsam mit einem Guide und einem Fahrer – rund zwei Wochen lang unterwegs. „In etwa 80 bis 85 Prozent aller Länder reise ich ohne Guide, aber manchmal ist es einfach sicherer, nicht ganz allein unterwegs zu sein. Zudem ist in manchen Ländern an das Visum die Begleitung durch einen Guide gekoppelt“, erklärt sie. Die eine oder andere gefährliche Situation hat Sarah Nadler in Afghanistan allerdings trotz Begleitung erlebt – so ging während der mehrtägigen Fahrt durch den Wakhan-Korridor nach Pamir, eine der entlegensten Gegenden der Welt, mehrfach das Auto kaputt oder blieb im Fluss stecken. Telefon oder Internet funktionieren dort nicht, sodass die kleine Gruppe stundenlang ausharren musste. „Wir haben mitten im Gebirge unsere Zelte aufgeschlagen, es war sehr steil, und ich hatte ziemliche Angst vor möglichem Steinschlag. Wir hatten dann allerdings großes Glück, denn zufällig vorbeikommende Menschen haben uns immer wieder geholfen“, erinnert sie sich. Trotz vieler weiterer Widrigkeiten sei es irgendwann doch noch gelungen, die Strecke zu bewältigen und die im afghanischen Teil des Pamirs lebenden Nomaden zu besuchen – ein unvergessliches Erlebnis, für das sich alle Anstrengungen und Ängste gelohnt hätten.
Nach der Reise durch viele weitere Länder – aus Papua-Neuguinea war sie zwischendurch ausgewiesen worden, weil ihr Visum nicht rechtzeitig eingetroffen war – folgte gegen Ende ihrer Auszeit ein weiterer Höhepunkt: der Südsudan, der jüngste Staat der Welt. Dort lernte sie die Volksgruppe der Mundari kennen, die Viehzucht und Landwirtschaft betreibt. Kühe sind das Zentrum des Lebens, da die Ernährung der Mundari fast ausschließlich auf Milch basiert. „Es gibt dort außergewöhnliche Traditionen. So duschen die Mundari mit Kuh-Urin, der desinfizierend und reinigend wirken soll. Im Anschluss an diese Urindusche reiben sie die rote Erde in ihre Haare, die sich dann rötlich-orange färben.“
„Ich möchte mit den Menschen in den Ländern, die ich bereise, ins Gespräch kommen.“ – Sarah Nadler
So lernte Sarah Nadler immer wieder etwas Neues, denn während dieser neun Monate wechselte sie nicht nur alle paar Tage das Land, sondern auch Klimazone, Währung, Sprache, Kultur und Religion. Darüber hinaus erfuhr sie viel über sich selbst, wie gern sie allein unterwegs ist und die Freiheit genießt, genau das zu tun, was sie will. Das sei nicht immer einfach, es stecke viel organisatorische Arbeit dahinter, aber es finde sich für alles eine Lösung, auch wenn diese manchmal recht unkonventionell sei, ist sie überzeugt.
Ein kleines Back-up in der Heimat gibt es allerdings auch. Ein paar Menschen wissen immer, wo sie sich gerade befindet, zudem können alle ihre Erlebnisse nahezu in Echtzeit auf ihrem Instagram-Kanal verfolgt werden. Und weil das Zurückkommen viel weniger Spaß macht als das Unterwegssein, plant Sarah Nadler bereits die nächsten Reisen – in die noch fehlenden 95 Länder.
Sie müssen den Inhalt von reCAPTCHA laden, um das Formular abzuschicken. Bitte beachten Sie, dass dabei Daten mit Drittanbietern ausgetauscht werden.
Mehr InformationenSie sehen gerade einen Platzhalterinhalt von reCAPTCHA. Um auf den eigentlichen Inhalt zuzugreifen, klicken Sie auf die Schaltfläche unten. Bitte beachten Sie, dass dabei Daten an Drittanbieter weitergegeben werden.
Mehr Informationen