Leise Revolution auf vier Rädern
Wer heute beispielsweise auf der Düsseldorfer Schloßstraße unterwegs…
Der Darm ist – nach dem Gehirn – das Organ mit den zweitmeisten Nervenzellen. Seine Gesundheit hat Einfluss auf eine Reihe physischer Krankheiten wie Diabetes oder Herz-Kreislauf-Erkrankungen, aber auch auf das psychische Wohlbefinden.
Die meisten Mikroorganismen – also Bakterien, Pilze oder Viren – eines Menschen befinden sich im Darm. Schätzungen zufolge sind es zwischen 30 und 100 Billionen. Sie bilden die Darmflora, heute Darmmikrobiom genannt – je vielfältiger dieses zusammengesetzt ist, desto gesünder ist es und desto besser funktioniert es. Und dieses Darmmikrobiom, also die Gesamtheit der Mikroorganismen, ist nicht nur essenziell für die Verdauung, sondern es stärkt auch das Immunsystem, weil es entzündungshemmende Stoffe produziert, und schützt die Darmschleimhaut.

Biologisches Netzwerk
Darüber hinaus stehen Darm und Gehirn über die sogenannte Darm-Hirn-Achse miteinander in Verbindung. Sie kommunizieren beispielsweise über die Botenstoffe der Bakterien aus dem Darm miteinander und beeinflussen sich gegenseitig. „In den vergangenen Jahren hat die Mikrobiom-Forschung enorme Fortschritte gemacht. Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler konnten nachweisen, dass im Darm nicht nur Verdauungsprozesse stattfinden, sondern eine Art biologisches Netzwerk arbeitet, das Signale an andere Organe sendet, das Immunsystem moduliert und sogar mit dem Gehirn kommuniziert“, erklärt Prof. Dr. Christoph Roderburg, Leitender Oberarzt der Klinik für Gastroenterologie, Hepatologie und Infektiologie am Universitätsklinikum Düsseldorf (UKD). Allerdings, so Prof. Dr. Roderburg weiter, stehe die Forschung noch ganz am Anfang, sodass der Zusammenhang zwischen Stoffwechselstörungen und psychiatrischen sowie neurologischen Störungen auch nicht überschätzt werden sollte.
„Besonders wichtig für eine gesunde Darmflora sind Ballaststoffe.“
Prof. Dr. Christoph Roderburg, Leitender Oberarzt der Klinik für Gastroenterologie, Hepatologie und Infektiologie am Universitätsklinikum Düsseldorf
Dennoch gibt es durchaus Beispiele für genau solche Zusammenhänge. So sind Verdauungsprobleme wie Durchfall in Stresssituationen, etwa vor einer wichtigen Prüfung, weit verbreitet. Ständiger, lange andauernder Stress kann sogar beträchtliche Veränderungen in der Zusammensetzung und Funktion des Darmmikrobioms hervorrufen. Somit trägt auch der Lebensstil zur Darmgesundheit und zu Longevity bei, also zum gesunden Altern. Neben der Vermeidung von Stress können ausreichend Schlaf sowie regelmäßige Bewegung, die sich gut in den Alltag einbauen lässt, die Vielfalt des Mikrobioms erhöhen. Die individuelle Zusammensetzung des Mikrobioms ist übrigens bei jedem Menschen anders und wird unter anderem durch die Ernährung beeinflusst.
Wichtiger Beitrag
Das Mikrobiom leistet einen wichtigen Beitrag zur Gesundheit, doch über seine genaue Zusammensetzung und Funktionsweise muss noch viel geforscht werden. Allerdings haben Wissenschaftler inzwischen herausgefunden, dass eine gesunde Darmflora sich unter anderem positiv auf die Herzgesundheit auswirkt – und somit ein gestörtes Darmmikrobiom durchaus mit Herz-Kreislauf-Erkrankungen wie koronare Herzkrankheit und Herzinsuffizienz in Verbindung stehen kann. „Die Darmgesundheit hat eine zentrale Bedeutung für die Entwicklung von Herz-Kreislauf-Erkrankungen“, sagt auch Prof. Dr. Dietrich Baumgart, Partner der Gemeinschaftspraxis Metamedicum in Düsseldorf und Essen sowie international anerkannter Internist und Kardiologe. Er frage seine Patienten beim Besuch in seiner Praxis stets nach der Verdauung, so der Mediziner weiter – und bei vielen funktioniere sie nicht optimal.
„Die Darmgesundheit hat zentrale Bedeutung für die Entwicklung von Herz-Kreislauf-Erkrankungen.“
Prof. Dr. Dietrich Baumgart, Internist und Kardiologe, Metamedicum
Entscheidend für ein vielfältiges Mikrobiom im Darm und damit für eine gute Darmgesundheit ist eine pflanzenbasierte, ballaststoffreiche und abwechslungsreiche Ernährung. „Besonders wichtig für eine gesunde Darmflora sind Ballaststoffe – jene unverdaulichen Bestandteile pflanzlicher Lebensmittel, die in Gemüse, Obst, Hülsenfrüchten, Vollkornprodukten, Nüssen und Samen enthalten sind. Sie dienen den Mikroorganismen im Darm als Nahrung“, erklärt Prof. Roderburg. Je vielfältiger also das Angebot an verschiedenen Ballaststoffen ist, desto besser ist es für die vielfältige Zusammensetzung des Darmmikrobioms.
Fermentierte Lebensmittel
Eine wichtige Rolle spielen darüber hinaus Probiotika, also lebende Mikroorganismen, die in fermentierten Lebensmitteln wie beispielsweise Sauerkraut, Kimchi, Kefir oder Joghurt enthalten sind. Sie unterstützen die Vielfalt der Darmflora, übrigens auch als hochwertige Nahrungsergänzungsmittel. „Aus meiner Sicht gehören zur Ernährung auch die Berücksichtigung der anderen Lebensfaktoren. Ein junger Mensch kann und sollte sich anders ernähren als ein älterer Mensch, da meist das Bewegungsprogramm unterschiedlich ist. Menschen mit Erkrankungen wie Bluthochdruck, Herzkrankheiten oder Diabetes brauchen entsprechend andere Empfehlungen als gesunde Menschen“, ergänzt Prof. Baumgart. Zur Unterstützung der Darmflora gilt jedoch grundsätzlich: Industriell verarbeitete Lebensmittel, also Fertigprodukte, sind in der Regel zu süß oder zu salzig oder zu fettreich – deshalb sollte möglichst darauf verzichtet werden.

Omega-3-Fettsäuren
Verschiedene Studien zeigen zudem, dass auch Omega-3-Fettsäuren einen positiven Einfluss auf das Darmmikrobiom haben können. Omega-3-Fettsäuren sind essenzielle Fettsäuren, die der menschliche Körper nicht selbst produzieren kann. Deshalb müssen sie über die Nahrung aufgenommen werden. Es gibt verschiedene Omega-3-Fettsäuren. Zu den wichtigsten zählen die langkettigen Omega-3-Fettsäuren EPA (Eicosapentaensäure) und DHA (Docosahexaensäure), die in Fisch, Meeresprodukten und Algen vorkommen. Darüber hinaus gibt es die pflanzliche Omega-3-Fettsäure Alpha-Linolensäure (ALA), deren Hauptlieferant Leinöl ist. Insbesondere wurde herausgefunden, dass Omega-3-Fettsäuren jene Darmbakterien fördern, die entzündungshemmend wirken und beim Abbau von Übergewicht helfen können. Wer sein Darmmikrobiom mit Omega-3-Fettsäuren unterstützen möchte, kann dafür auch Nahrungsergänzungsmittel, sogenannte Supplements, verwenden. Prof. Baumgart empfiehlt, täglich etwa 1.000 bis 2.000 Milligramm zu sich zu nehmen und bei Nahrungsergänzungsmitteln darauf zu achten, dass ausschließlich hochgereinigtes Fischöl verarbeitet wurde, damit man nach der Einnahme nicht nach Fisch riecht.
Grundsätzlich zeigt sich, dass wir nur mit einer gesunden Darmflora über eine optimale Verdauung und Nährstoffversorgung sowie ein gut funktionierendes und leistungsfähiges Immunsystem verfügen. Trotz Stress und Hektik sollte eine ausgewogene Ernährung also ein zentraler Bestandteil unseres Lebens sein. Erste Veränderungen im Darmmikrobiom zeigen sich übrigens oft schon wenige Tage nach einer Ernährungsumstellung – bis sich das Gesamtsystem allerdings messbar verändert, dauert es in der Regel ein paar Monate.

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