Leise Revolution auf vier Rädern
Wer heute beispielsweise auf der Düsseldorfer Schloßstraße unterwegs…
Die „Lange Nacht der Industrie NRW“ gibt Einblicke in die Vielfalt, Kreativität und Nachhaltigkeit der hiesigen produzierenden Wirtschaft.
Zu sehen, wie Waschmittel, Teleskopbagger oder moderne Autos entstehen, wo unser Abfall zu Strom und Fernwärme wird, oder zu erfahren, was ein Müller macht; ob Maschinenbau, Lebensmittel, Chemie oder Logistik: Bei der Langen Nacht der Industrie NRW wird greifbar, wie sehr das Know-how hiesiger Hersteller und Versorgungsunternehmen den Standort prägt. Auch wird dabei erlebbar, wie diese zu Energiewende und nachhaltiger Entwicklung beitragen und welche Berufs-Chancen sie bieten. Zum elften Mal lud der Verein „Zukunft durch Industrie“ interessierte Bürger ein, einen Blick hinter sonst für die Öffentlichkeit meist verschlossene Türen zu werfen und sich anzuschauen, wie oft selbstverständlich erscheinende Produkte hergestellt werden. „Industrie ist der Schlüssel zu einer nachhaltigen Zukunft. Auf den Unternehmenstouren wird deutlich, wie sich die Industrie wandelt – und wie wichtig sie für unsere Gesellschaft ist“, sagt Annette Karsten, Geschäftsführerin des Vereins „Zukunft durch Industrie“, dem ideellen Träger der Veranstaltung. Und dessen Vereinsvorsitzender Julian Deget betont: „Die Herausforderungen für die Industrie sind so groß wie selten zuvor. Umso wichtiger ist eine Industrie, die aktiv den Dialog sucht. Wir müssen erklären, zuhören und zeigen, wie sehr sich die Industrie bereits wandelt und warum eine starke Industrie wichtig ist. Nur so gewinnen wir das Vertrauen – und die Begeisterung – der jungen Generation. Genau hier setzt die Lange Nacht der Industrie an.“

Dass das Angebot ankommt, beweisen alljährlich die Anmeldezahlen. Über 3.000 Menschen und damit mehr als doppelt so viele wie es Plätze gab, hatten sich auch diesmal für eine der kostenlosen Touren in und um Düsseldorf beworben. Insgesamt waren 35 Unternehmen in 15 Städten dabei. Ein Losverfahren entschied über die Teilnahme an den bis zu rund fünfstündigen Betriebserkundungen, die unter anderem zu Teekanne, zu Deuka, zu den Stadtwerken und zu Konecranes führten. Einer der Glücklichen, der die Bustour zur Henkel AG & Co. KGaA in Holthausen und zur TML Technik GmbH in Monheim mitmachte, war Tim Keens aus Kempen: „Es ist sehr beeindruckend, den Herstellungsprozess kennenzulernen und dabei auch zu erfahren, wie viel Entwicklung und Forschung dahinter steckt“, sagt er. Denn nach der Begrüßung von Dr. Daniel Kleine, Henkel President Germany und Standortleiter Düsseldorf, ging es für die Besucher beim Weltmarktführer für Adhesive Technologies (Klebstoffe, Dichtstoffe und funktionale Beschichtungen) auf eine Reise durch unterschiedliche Bereiche. Auf einen Überblick über die für viele sicher ungeahnte Vielfalt der Henkel-Produkte, von denen Konsumenten wohl in erster Linie Pritt, Pattex oder Persil, aber auch Haarpflegeprodukte kennen, folgte ein Besuch in der Waschmittelabteilung. Dort konnte man verfolgen, in welch atemberaubender Geschwindigkeit aus unscheinbaren Plastikrohlingen die wohlbekannten Pril-Flaschen werden, wie sie befüllt, etikettiert, verschlossen und verpackt werden. Ebenso imposant: die Information, dass Fehlerhaftes in den Produktionskreislauf zurückgeführt wird.

Auch in der Abteilung Adhesives (Klebstoffe) wurde das Thema Nachhaltigkeit deutlich. Dort war etwa die Elektrobatterie eines Audi E-tron zu bestaunen: Um unter anderem Gewicht zu sparen, wird bei deren Herstellung, wo immer es möglich ist, geklebt. Doch Henkel – der Konzern beschäftigt weltweit rund 47.000 Mitarbeiter – kann auch kleiner. Zum Beispiel Versandtaschen, die dank eines besonderen Klebstoffs ohne Luftpolsterfolie aus Plastik auskommen und deshalb komplett im Altpapier entsorgt werden können. Ebenfalls nachhaltig zeigt sich eine weitere Klebelösung, die es erlaubt, Palettenware nahezu ohne Folienverpackung sicher zu transportieren und einzelne Kartons ohne großen Aufwand zu entnehmen.

„Faszinierend, wie man eine Idee in so großem Maßstab umsetzen kann“, sagte Daniel Kowald, der aus Erkelenz angereist war, um an der Langen Nacht der Industrie teilzunehmen. Auch der Dormagener Gregor Franzmann war begeistert: „Es ist großartig, das alles hier einmal zu erleben. Einfach mal zu sehen, was für Schätze es in unserer Region gibt.“
Nach Henkel stand ein Besuch in Monheim an, bei TML, einem Hersteller von Teleskopbaggern und anderen Spezialmaschinen, der sich zum zweiten Mal bei der Langen Nacht den Besuchern öffnete. Das Familienunternehmen entwickelt und fertigt Maschinen, die weltweit bei mehr als 300 Kunden in über 80 Ländern im Einsatz sind – ob im Tunnelbau, im Bergbau oder in der Stahlindustrie. Rechts und links der Monheimer Daimlerstraße wurden die Teilnehmer – nach einer Begrüßung durch Inhaber Christof Mikat und seinen Vater Harald, den Firmengründer, – durch die zahlreichen Hallen des Unternehmens geführt. Das hatte 1993 ganz klein in einem Zwei-Familien-Haus angefangen. Heute ist die TML Group weltweit führend in der Entwicklung und Herstellung von Maschinen für die härtesten Einsätze. „Wir liefern von Monheim in die Welt“, sagte Mikat junior.
„Wir müssen erklären, wie sehr sich die Industrie bereits wandelt und warum eine starke Industrie wichtig ist.“
Julian Deget, Vorsitzender „Zukunft durch Industrie e. V.“
Stolz ist TML auch auf seine Angestellten, darunter zahlreiche Azubis. Und das gilt offensichtlich umgekehrt auch für die Mitarbeiter. Das war an den strahlenden Gesichtern zweier junger Schweißexperten abzulesen, die ihre Arbeit mit einem Roboter präsentierten. Insgesamt 120 Menschen weltweit beschäftigt die Ökoprofit-zertifizierte Fima, die ihre teils haushohen Produkte in Kleinserien oder als Einzelanfertigungen baut. Außerdem unterhält sie eine eigene Entwicklungsabteilung mit „Leuten, die in die Zukunft denken“. Und dass die Arbeit bei TML Spaß macht, beweisen auch die Feuerkörbe, die das Unternehmen zur Begrüßung seiner Gäste zur Langen Nacht der Industrie aufgestellt hatte. Denn auch die stammen, wie könnte es anders sein, aus eigener Produktion.

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