Leise Revolution auf vier Rädern
Wer heute beispielsweise auf der Düsseldorfer Schloßstraße unterwegs…
Basierend auf einer Idee von Norbert Hüsson, dem Vorsitzenden des Kinder- und Jugendhospizes Regenbogenland, wurde im Sommer dieses Jahres die gemeinnützige Stiftung Rechtsmedizin gegründet – mit dem Fokus auf häusliche Gewalt, Kinderschutz und Kindeswohl.
Die Rechtsmedizin hat in der heutigen Gesellschaft viele wichtige Aufgaben. Eine große Rolle spielen die Aufklärung von Straftaten und die Versorgung von Gewaltopfern. In den vergangenen Jahren ist das Thema Gewalt gegen Kinder und Jugendliche sowie häusliche Gewalt an sich, also auch gegen Frauen oder Männer, verstärkt ins öffentliche Bewusstsein gerückt. Besteht ein Verdacht, sollte dem unbedingt nachgegangen werden. Die kompetente Beurteilung von Gewaltfolgen und die gerichtsfeste Dokumentation und Spurensicherung sind für Geschädigte außerordentlich wichtig – gerade auch bei Verdachtsfällen von häuslicher Gewalt und Kindesmisshandlung.
Kinder schützen
Und weil das Kinder- und Jugendhospiz Regenbogenland es als eine seiner wichtigsten Aufgaben ansieht, das Kindeswohl zu schützen, hatte dessen Vorsitzender Norbert Hüsson die Idee, eine Stiftung Rechtsmedizin ins Leben zu rufen. „Wir hatten im Regenbogenland bereits drei Fälle von Kindern mit einem sogenannten ‚Schütteltrauma‘, die daran gestorben sind. Darüber waren wir alle zutiefst erschüttert und haderten damit, dass Kinder diesen furchtbaren Tod erfahren müssen“, erklärt seine Ehefrau, Dr. Andrea Hüsson, die den Vorstandsvorsitz der neuen Stiftung übernommen hat. Und die Direktorin des Instituts für Rechtsmedizin im Universitätsklinikum Düsseldorf, Prof. Dr. Stefanie Ritz, ergänzt: „Rechtsmedizinische Expertise kann verhindern, dass Kinder die Unterstützung des Regenbogenlands überhaupt benötigen, indem Verdachtsfälle rechtzeitig untersucht werden und so verhindert wird, dass mehr passiert.“ Zudem haben behinderte Kinder und Jugendliche ein größeres Risiko, Opfer von Gewalt zu werden – das Regenbogenland hat aus diesem Grund sogar ein eigenes Rechte- und Schutzkonzept entwickelt, an deren Erstellung Stefanie Ritz entscheidend mitgewirkt hat.
Die neue Stiftung Rechtsmedizin will nun künftig insbesondere Projekte fördern, die Forschung und Kinderschutz miteinander verbinden. Hierbei spielt beispielsweise die Aufklärung von Todesursachen bei Kindern und Jugendlichen, seien es etwa spurenarme Tötungsdelikte, das Schütteltrauma, also eine Hirnverletzung durch gewaltsames Schütteln von Babys und Kleinkindern, oder auch seltene, möglicherweise genetisch bedingte natürliche Todesursachen eine große Rolle. Die Beweise für eine Misshandlung, ob nun mit Tötungsabsicht oder aufgrund von großer Überforderung der Eltern, sind nicht immer durch eine einfache körperliche Untersuchung zu erbringen. Die Entwicklung von Verfahren zum Nachweis von Biomarkern, die in einer Blutprobe nachgewiesen werden und dann bestimmte Arten von Gewalteinwirkung belegen könnten, ist teuer. „Solche Forschung kostet natürlich Geld – und hier kommt dann unsere Stiftung ins Spiel. Die entsprechenden Mittel – in diesem Fall beispielsweise sprechen wir von rund 20.000 Euro als Anschubfinanzierung – müssen beantragt werden. Danach würde die Stiftung die Finanzierung übernehmen“, erläutert Andrea Hüsson das Vorgehen.

Unterstützung zentral
Für dieses und weitere Projekte möchte die Stiftungsvorsitzende nun gemeinsam mit ihren beiden Vorstandskolleginnen, Johanna Boeck-Heuwinkel, Kanzlerin der Kunstakademie Düsseldorf und Stiftungsexpertin, sowie der Künstlerin Meral Alma, die sich seit Jahren für Kinderschutz, Zivilcourage und als Botschafterin des Regenbogenlands engagiert, Spenderinnen und Spender gewinnen. „Die Rechtsmedizin ist – gemessen an der Zahl aktiver Personen im Fach – eine der kleinsten medizinischen Disziplinen mit vielen Besonderheiten, und wir betreiben überwiegend angewandte Forschung. Es ist nicht leicht, Gelder für Forschung und Projekte zu bekommen, deshalb ist die Unterstützung durch eine solche Stiftung so wichtig“, erklärt Stefanie Ritz.
Bei einem weiteren wichtigen Projekt, das die Stiftung unterstützen möchte, handelt es sich um die Versorgung von Kindern, die zwar nicht selbst geschlagen oder bedroht werden, aber ständig Zeugen von häuslicher Gewalt gegen die Mutter oder – deutlich seltener – den Vater werden. „Es gibt in Kooperation mit der Frauenberatungsstelle bereits ein kleines spendenfinanziertes Projekt ,Extra für Kinder‘, bei dem gewaltbetroffene Frauen psychosoziale Beratung erhalten und zeitgleich eine Fachkraft prüft, ob ihre Kinder Auffälligkeiten zeigen und damit Handlungsbedarf zum Schutz der Kinder besteht. Das würden wir mithilfe der Stiftung gern wissenschaftlich begleiten und das Konzept entlang der Forschungsergebnisse weiterentwickeln“, so Stefanie Ritz.
„Wir betreiben überwiegend angewandte Forschung.“
Prof. Dr. Stefanie Ritz, Direktorin des Instituts für Rechtsmedizin
Präventionsstrategien entwickeln
Helfen möchte die Stiftung Rechtsmedizin auch, wenn es um Jugendliche geht, die Opfer von „K.O.-Tropfen“ wurden oder versehentlich eine möglicherweise fatale sogenannte Kräutermischung geraucht haben – hier kommt die forensische Toxikologie zum Einsatz. Sie befasst sich vor allem mit dem Nachweis von Alkohol, Medikamenten, Drogen und Giften sowie deren Auswirkungen auf den menschlichen Organismus. So geht es der Stiftung nicht nur darum, Leiden zu mindern und Verbrechen aufzuklären, sie möchte mit ihren Fördergeldern auch dafür sorgen, dass wirksame Präventionsstrategien entwickelt werden können – unter anderem, um der Gefährdung von Kindern und Jugendlichen durch Drogen entgegenzuwirken.
Nicht unerwähnt bleiben darf im großen Portfolio der Rechtsmedizin auch die forensische Morphologie. Sie kümmert sich in erster Linie um die Aufklärung nicht natürlicher und unklarer Todesfälle. Im Auftrag der ermittelnden Behörden werden Obduktionen Verstorbener durchgeführt, unter anderem auch von Säuglingen, die vermeintlich am „plötzlichen Kindstod“ verstorben sind. „Ein gesundes Kind darf nicht plötzlich tot im Bett liegen, das muss unbedingt ganz genau untersucht werden“, sagt Rechtsmedizinerin Stefanie Ritz überzeugt. Ein Forschungsprojekt, das die neue Stiftung Rechtsmedizin gern unterstützen würde, hat das Ziel, eine Methode zur Sicherung von Faserspuren zu etablieren, die dazu dient, das „Ersticken durch weiches Bedecken“, also wenn beispielsweise ein Säugling mit einem Kissen erstickt wurde, aufzuklären.
Unter einem Dach
Für dieses und weitere Projekte sollen zunächst Startfinanzierungen bereitgestellt werden – vorrangig mit dem Ziel, Kinder und Jugendliche besser zu schützen. Ein Teil der rechtsmedizinischen Arbeitsgruppen, die sich mit häuslicher Gewalt und Kinderschutz beschäftigen, wird seine Heimat im noch im Bau befindlichen Trube-Becker-Haus finden. Dort werden unter einem Dach die Rechtsmedizinische Ambulanz für Gewaltopfer des Instituts für Rechtsmedizin, das Sozialpädiatrische Zentrum der Kinderklinik des Universitätsklinikums sowie das Childhood-Haus Düsseldorf vereint, um eine besondere Umgebung für Kinder und auch für Erwachsene in einer Ausnahmesituation zu schaffen. Damit werden jedenfalls für einen Teil des rechtsmedizinischen Teams räumlich und konzeptionell hervorragende Arbeitsbedingungen geschaffen. Die neue Stiftung Rechtsmedizin kann maßgeblich dazu beitragen, dass sich die Arbeitsgruppen auch inhaltlich, in Forschung und Präventionsarbeit, optimal entfalten können.
Sie müssen den Inhalt von reCAPTCHA laden, um das Formular abzuschicken. Bitte beachten Sie, dass dabei Daten mit Drittanbietern ausgetauscht werden.
Mehr InformationenSie sehen gerade einen Platzhalterinhalt von reCAPTCHA. Um auf den eigentlichen Inhalt zuzugreifen, klicken Sie auf die Schaltfläche unten. Bitte beachten Sie, dass dabei Daten an Drittanbieter weitergegeben werden.
Mehr Informationen