Leise Revolution auf vier Rädern
Wer heute beispielsweise auf der Düsseldorfer Schloßstraße unterwegs…
Er komponiert, er singt an der Rheinoper, er gibt Liederabende und gewann zahlreiche Preise: Mit 27 Jahren hat Valentin Ruckebier schon viel erreicht.
Da sitzt man einem jungen Künstler von schlanker, fast zarter Gestalt gegenüber. Gleich bei seinen ersten Worten horcht man erstaunt auf: diese tiefe Stimme! Was für eine Überraschung, obwohl man ja weiß, dass Valentin Ruckebier seine Karriere als Opernsänger im Fach Bass gemacht hat. Erlebt er oft, dass Menschen stutzen, wenn er spricht? „Das kommt vor“, bestätigt er und lacht, „meine Figur wird nicht so oft mit Bass assoziiert.“

Seit der Spielzeit 2024/25 ist Valentin Ruckebier im Ensemble der Rheinoper. Die Verbundenheit mit dem Haus reicht aber viel weiter zurück. Zuvor gehörte er dem Opernstudio an und stand in etlichen Produktionen auf der Bühne. Bei „Macbeth“ von Giuseppe Verdi hatte er gleich vier Rollen. „Das war hochintensiv, für jeden Akt musste ich mich umziehen“, berichtet er. „Einer der Momente meines Lebens, in denen ich das Gefühl hatte, ins kalte Wasser zu springen.“ Geschadet habe es ihm nicht, im Gegenteil: „Ich bekam dadurch die starken Nerven, die ich in meinem Beruf brauche.“ Auch die Meisterkurse bei berühmten Künstlern, die er in diesen zwei Opernstudio-Jahren absolvieren durfte, betrachtet er als Privileg und wertvolles Rüstzeug.

Große Passion fürs Komponieren
Die Welt der Musik erschloss sich früh für ihn. Wie könnte es auch anders sein, wenn man zwei Berufsmusiker als Eltern hat – der Vater klassischer Gitarrist, die Mutter Blockflötistin, Sängerin und Leiterin mehrerer Chöre in Remscheid. Valentin sang im Kinderchor und im Jugendchor, spielte mit vier Jahren Klavier, mit acht Jahren Geige. „Die Chöre meiner Mama haben mich am meisten geprägt“, sagt er. Aber da keimte auch schon etwas anderes in ihm und wurde bald zu seiner Passion: das Komponieren. „Als kleiner Junge klimperte ich am Klavier vor mich hin und improvisierte“, erzählt er. „Mein Vater hatte ein Notenschreib-Programm am PC. Er hielt alles fest.“ Mit „Opus 1 – fünf kleine Stücke“ nahm er am Wettbewerb „Jugend komponiert“ auf Landesebene teil – und gewann. Das Preisträgerkonzert brachte ihn erstmals nach Düsseldorf, das ihm zur künstlerischen Heimat werden sollte.
„Kreativität muss sein.“ – Valentin Ruckebier
Die Auszeichnung stachelte den Jungen an. In der Clara-Schumann-Musikschule verfeinerte er sein Talent in der renommierten Kompositionsklasse von David Graham. Wieder eine Zeit mit wertvollen Erfahrungen: Studienfahrten nach Italien, Kooperationen mit dem Tanzhaus NRW, Aufführungen in der Tonhalle. Der Lehrer vermittelte ihm den Kontakt zu Manfred Trojahn an der Robert Schumann Hochschule, einer der letzten verbliebenen Opernkomponisten, dessen „Septembersonate“ 2024 an der Rheinoper uraufgeführt wurde. Trojahn nahm ihn als Jungstudenten auf, noch während seiner Schulzeit. Valentin Ruckebier war auch Stipendiat der Studienstiftung des Deutschen Volkes und hatte Erfolg bei internationalen Wettbewerben. Schon damals drängte es ihn, eine eigene Oper zu komponieren. Was für ein Glück, mit 24 Jahren eine Auftragsarbeit erfüllen zu dürfen: „Die Flucht nach Ägypten“ mit Uraufführung am Landestheater Linz (2021) und weiteren Stationen in Modena/Italien und Novi Sad/Serbien.
Noch während seiner Studienzeit in Düsseldorf wandte sich Valentin Ruckebier parallel zum Komponieren wieder verstärkt dem Gesang zu und fand in seinem Lehrer Konrad Jarnot einen Förderer. Vor dem Stimmbruch war er ein Knabensopran, danach kam ein Bass heraus. „Man weiß das vorher nie so genau“, sagt er. „Der Stimmbruch hatte sich bei mir zur Verblüffung aller innerhalb einer guten Woche erledigt.“ Über Projekte der Hochschule gelangte er zur Düsseldorfer Oper und fühlte sich bereichert. „Mir ging es immer darum, den musikalischen Kosmos aus verschiedenen Perspektiven zu betrachten“, sagt er. „Mein Status als Sänger hat diesen Wunsch extrem befeuert.“

Oper in großer Besetzung geplant
Sein Herz schlägt klar für die moderne Musik. Er bedauert, dass sie auf großen Bühnen nur selten zur Aufführung kommt. „Es fehlt den Häusern und Intendanten an Mut, sie fürchten, das Publikum könnte nicht mitziehen“, glaubt er. „Dabei muss man sich ums Publikum am wenigsten sorgen, das würde sich darauf einlassen.“ Schon Kindern könne man den Weg zur modernen Musik bahnen. Warum denn als Einstieg immer „Die Zauberflöte“ herhalten müsse? Er hofft, dass sich das ändert. „Ich werde dazu beitragen, indem ich eine zweite Oper schreibe, dann aber mit größerer Besetzung“, hat er sich vorgenommen. „Und auch mit attraktiven Rollen für einen Bass. Damit erschaffe ich Arbeitsplätze. Bisher sind es in meinem Fach fast immer die alten Väter, die Könige, die Bösewichte.“
An der Rheinoper warten in dieser Saison schöne Rollen auf ihn, darunter in der „Zauberflöte“, „Nabucco“, „La Cenerentola“ und „Tosca“. Gern macht Valentin Ruckebier Seitensprünge zum Lied- und Oratoriengesang. „Ein schwieriges, hart umkämpftes Gelände“, sagt er. „Aber gerade dieses Fragile, Intime, Kammermusikalische reizt mich. Ein stimmlicher Spielplatz für einen Sänger.“
Außer der Kunst passt nicht viel in sein Leben. „Kreativität muss sein“, sagt Valentin Ruckebier. Er fotografiert und schreibt Gedichte, die er auch vertont, vielleicht werde daraus mal eine CD. Und dann ist da höchstens noch der Garten bei seinem kleinen Atelier in Bilk, in dem er Tomaten und Gurken anbaut und den Sonnenblumen beim Wachsen zuschaut.

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