Leise Revolution auf vier Rädern
Wer heute beispielsweise auf der Düsseldorfer Schloßstraße unterwegs…
Die neue Spielzeit am Düsseldorfer Schauspielhaus ist zugleich die letzte für Wilfried Schulz. Der Intendant scheidet aus freien Stücken aus, nach zehn abenteuerlichen Jahren, wie er sagt. Für die letzte Saison hat er sich viel vorgenommen. Was das ist, verrät er im Gespräch.
Mit welchen Gefühlen gehen Sie in Ihre letzte Runde am Schauspielhaus?
Ich fange an, vieles zum letzten Mal zu machen. Das kommt mir noch komisch vor. Andererseits denke ich gar nicht so oft an meinen Abschied. Ich will ihn nicht zelebrieren, auch wenn mir bewusst ist, dass der Countdown läuft. Aber das sind eher blitzartige Momente, die einem dabei durch den Kopf gehen. Denn gerade dieses Jahr ist von Aufbruch und Ausprobieren gekennzeichnet.
Was meinen Sie damit?
Das Junge Schauspielhaus und das Stadt:Kollektiv beziehen im September ihre neuen Spielstätten im Central am Hauptbahnhof. Damit befinden sich alle drei Sparten des Theaters im Zentrum der Stadt, das dadurch noch mehr mit einem vielfältigen kulturellen Leben gefüllt wird. Der Bau der neuen Probebühnen wird sich noch über einige Monate hinziehen. Vermutlich werde ich erst kurz vor meinem Ausscheiden das letzte rote Band durchschneiden können. Damit überlasse ich meinem Nachfolger etwas, was ich selbst gar nicht mehr nutzen kann. Ein Antrittsgeschenk, aber noch viel mehr eine Investition in die Zukunft.

Womit starten Sie in die neue Saison am Schauspielhaus?
Auf die erste Premiere im Großen Haus bin ich sehr gespannt. Wir haben den in ganz Europa gefeierten russischen Regisseur Kirill Serebrennikov eingeladen, der in seiner Heimat verfemt und unter Arrest gestellt wurde. Er wird für uns mit einem deutsch-russischen Ensemble „Der Schneesturm“ inszenieren – nach dem Roman seines Landsmanns Vladimir Sorokin.
Und, weit vorausschauend, wie wird diese Spielzeit enden?
Mit mehreren Projekten, die mir am Herzen liegen, weil sie den Geist unseres Theaters widerspiegeln. Im Großen Haus ist es das nachdenkliche „Buch der Unruhe“ von Fernando Pessoa, im Kleinen Haus Thomas Bernhards „Theatermacher“, eine Hassrede, die eigentlich eine Liebeserklärung an das Theater ist. Open Air verabschieden wir uns im Sommer mit „Die unendliche Geschichte“ von Michael Ende. Sie erzählt von der Bedeutung der Fantasie für unser Leben.
„Kooperationen und grenzüberschreitende Formen werden die Zukunft bestimmen.“
Wilfried Schulz
Blenden wir noch einmal zurück zum Anfang Ihrer Ära, zu dem, was Sie mit Abenteuer umschreiben. Wie sah das für Sie aus?
Die erste Überraschung war, dass ich vor der Aufgabe stand, die Sanierung des gesamten Hauses zu planen und durchzuführen. Das wurde mir so vor meinem Antritt nicht vermittelt. Da hieß es noch, ich würde die Umbauten fast nicht bemerken. Dabei mussten wir über drei Jahre in Provisorien arbeiten und uns ständig neue Spielstätten und Probebühnen suchen. Seit damals kenne ich in Düsseldorf jede verfügbare alte Fabrikhalle.
Dennoch war Ihr Start fulminant. Die erste Premiere, „Das Gilgamesch Epos“, fand in einem Zelt auf dem Corneliusplatz vor dem Parkhotel statt.
Das war tatsächlich berührend. Viele im Publikum haben geweint, und wir alle auch ein bisschen. Im Text wird geschildert, wie eine Stadt gebaut wird, wie Zivilisation entsteht. Wir hatten kein Haus und wollten klarmachen, dass wir und die ganze Stadt dringend eines brauchen. Als Aufruf hierfür erfanden wir deshalb die Signatur „D‘haus“. Es ging auch um die Rückeroberung des schwindenden Publikums. In den Jahren zuvor war das Theater nicht gerade von großer Lebendigkeit geprägt.

Ab Herbst weiterhin auf dem Spielplan: die von Publikum und Kritik sehr gut bewerteten Stücke „Der Geizige“ und „Die Heilige Johanna der Schlachthöfe“.
Kaum war Ihnen das gelungen, kam mit Corona der nächste Schlag.
Eine Riesenherausforderung. Der erste Lockdown war ein Schock, und es folgte ein ständiges Stop and Go. Als eines von wenigen Häusern haben wir trotzdem immer weiterproduziert und bis auf ganz wenige schmerzvolle Ausnahmen alle Inszenierungen zur Aufführung gebracht. Es war ein Kampf gegen die Depression, mit dem wir ein Zeichen setzen wollten, auch um den Künstlern Mut und Beschäftigung – auch in ökonomischer Hinsicht – zu geben. Das brachte uns einen guten Ruf in der Theaterlandschaft ein. Eine aufregende Zeit ohne verlässliche Strukturen. Wir mussten viel improvisieren. Das Theater läuft eigentlich erst seit drei Jahren wieder im Normalbetrieb.
Hatten Sie während der Pandemie noch den Glauben an eine gute Zukunft?
Viele meinten ja, nach Corona gebe es kein Theater mehr. Zumindest werde es ganz anders aussehen. Ich war mir immer sicher, es würde weiterbestehen, es wird gebraucht. Im Augenblick mehr denn je.
Ausgerechnet jetzt, wo die Besucherzahlen stimmen, verlassen Sie das Schauspielhaus.
Ursprünglich wollte ich nur fünf Jahre in Düsseldorf bleiben. Aber in den damaligen unbeständigen Zeiten konnte ich nicht gehen. Wir haben das Theater wieder in das Zentrum der Stadt gestellt, es brummt und wird vom Publikum angenommen, viele Vorstellungen sind ausverkauft. Wir hatten in der vorigen Spielzeit um die 250.000 Besucher, ein absoluter Spitzenwert im deutschsprachigen Raum. Ich hoffe also, dass ich im Sommer 26 ein gut dastehendes Haus mit fast 400 Mitarbeitenden und intakten Strukturen übergeben kann. Ein guter Zeitpunkt, den Stab weiterzureichen.
Sie haben in Ihrer Ära das Schauspielhaus nach außen geöffnet und neue Spielformate eingeführt. Wenn Sie das Theater der Zukunft ins Visier nehmen – wie könnte das aussehen?
Kooperationen und viele grenzüberschreitende Formen werden die Zukunft bestimmen. Das könnte ein Schlüssel sein, wie sich große Häuser künftig definieren. Wir haben seit einigen Jahren den Weg beschritten, das Theater als eine Art Kulturzentrum zu betrachten und zu sagen, kommt nicht nur als Zuschauerinnen und Zuschauer, bringt eure Themen und Ideen mit.

Muss man nicht fürchten, dass das Theater dadurch verwässert?
Das glaube ich nicht, wir bringen ja um die 25 eigene Inszenierungen heraus, sie machen den Hauptanteil in unserem Programm aus. Da dürfen dann gern auch andere Ideen, Interessen und Veranstaltungen hinzukommen. Das Queer-Festival zum Beispiel war ein Riesenerfolg. Dieser Prozess der Öffnung wird weitergehen. Theater ist ein gemeinsamer Ort. Die Gesellschaft ist in Bewegung, gut so.
Sie sind Berliner, haben vor Düsseldorf das Schauspiel in Dresden geleitet. Wo wird man Sie ab 2026 antreffen?
Das wird sich zeigen. Schon möglich, dass ich mit meiner Familie weiterhin in Düsseldorf wohne. Wir fühlen uns hier wohl. Aber ganz sicher werde ich als alter Berliner häufig dort sein. Dort geht es gerade der Kultur an den Kragen. Ich hoffe, dass uns in Düsseldorf viel von der Kraft, die von vielen in Stadt und Land in Kunst und Kultur investiert wurde, erhalten bleibt. Und dass sie nützen möge – den Menschen und der Stadt.
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