Leise Revolution auf vier Rädern
Wer heute beispielsweise auf der Düsseldorfer Schloßstraße unterwegs…
Erfolgsrezepte der Gaming-Industrie auf andere Wirtschaftszweige zu übertragen: Das ist das Konzept, mit dem Fusion Campus punktet.
Lebenslauf, Motivationsschreiben, Einstellungstest? Wer sich um ein duales Studium oder eine Ausbildung bei TK Elevator bewerben möchte, kann auf diese Schritte künftig verzichten. Er muss es sogar. Denn der Hersteller von Aufzugsanlagen mit Sitz in Essen und Düsseldorf hat sein Recruiting-Verfahren radikal umgestellt. Anstatt die klassischen Unterlagen einzureichen, werden Interessierte in eine virtuelle Welt eingeladen, in der sie einen circa 30-minütigen Bewerbungsprozess durchlaufen können.
Nur dass sich dieser Prozess weniger wie eine Bewerbung anfühlt als wie ein Spiel. Während einer Fahrt im Aufzug (wo sonst?) trifft der Bewerber auf verschiedene Mitarbeitende von TK Elevator, die ihm Fragen stellen oder um Unterstützung bei einer kniffligen Aufgabe bitten. Wer alle Level des Spiels erfolgreich durchläuft, erfährt nicht nur viel über das Unternehmen, sondern auch über die eigenen Kompetenzen und Werte – und kann schließlich im sechsten Stock einen Termin für ein persönliches Bewerbungsgespräch buchen.
„Um als attraktiver Arbeitgeber neue Talente anzusprechen und bereits im Recruiting-Prozess Identifikation zu fördern, passen wir uns konsequent den aktuellen Mediengewohnheiten und Marktanforderungen an“, erklärt Alexandra Kühne die Beweggründe hinter der Umstellung. Der Expertin für Employer Branding von TK Elevator wurde schnell klar, dass Gaming im zukünftigen Recruiting-Prozess eine zentrale Rolle spielen würde. Und dass sie nicht lange nach einem passenden Partner würde suchen müssen. „Mit Fusion Campus haben wir genau den richtigen Player an unserer Seite, um gemeinsam aufs nächste Level zu kommen.“
Dabei ist die Agentur Fusion Campus, die das Bewerberspiel entwickelt hat, ein recht junges Unternehmen. Gegründet im Jahr 2021 von Stefanie Waschk – auf Initiative der nordrhein-westfälischen Landesregierung, die damit die hiesige Games-Branche stärken wollte – hat Fusion Campus das Ziel, die Erfolgsrezepte der Gaming-Industrie auf andere Wirtschaftszweige zu übertragen. „Wir beraten Unternehmen, wie sie das Know-how von Spiele-Entwicklern für sich nutzen können“, sagt Arne Gels, der die Konzeption und das Business Development der Düsseldorfer Agentur verantwortet. Aus diesem Beratungsprozess könne, wie im Fall von TK Elevator, ein tatsächliches Online-Spiel entstehen. Das sei aber eher die Ausnahme, betont Gels. „Wenn ein Kunde mit der Erwartungshaltung auf uns zukommt, dass wir ein Spiel für ihn entwickeln, gehen wir mit ihm einen Schritt zurück und schauen erst einmal, was tatsächlich Lösungen schafft“, erklärt er. Viel sinnvoller sei es oft, die realen Unternehmensprozesse mit Mechanismen und Methoden anzureichern, die Gaming so erfolgreich machen.

Zum Beispiel? „Wovon meines Erachtens die gesamte Wirtschaft lernen kann, ist das Onboarding bei Online-Games“, sagt Gels. Denn im Wettbewerb um die Nutzer sei die Branche extrem gut darin geworden, Menschen abzuholen und in das eigene System einzuführen. „Ein Spiel, das in den ersten drei oder vier Minuten nicht überzeugt, hat bald verloren. Als User muss ich sofort verstehen: Wie bewege ich mich hier, wie kann ich Fortschritte machen und erste Erfolge erzielen?“
Diese Herangehensweise könne man auf das Onboarding neuer Mitarbeiter übertragen, etwa, indem man schon vor dem ersten Arbeitstag digital Kontakt aufnimmt, die ersten Schritte erklärt und spielerisch Informationen vermittelt. Besonders wichtig sei, dass sich die Menschen ihr Wissen über den neuen Arbeitgeber eigenständig erarbeiten können und direktes Feedback auf ihre Handlungen bekommen, so Gels. „Spiele sind deshalb so erfolgreich, weil die Zielsetzung und der Weg dahin klar erkennbar sind und man sich innerhalb des vorgegebenen Rahmens selbstbestimmt weiterentwickeln kann.“
Klare Ziele kombiniert mit eigenverantwortlichem Handeln. Diese zwei Prinzipien machen deutlich, weshalb sich die Methoden des Gamings nicht nur für Recruiting- und Onboarding-Prozesse eignen, sondern auch in Phasen des Umbruchs. „Im Spielkontext sind Menschen gewillt und bereit, Veränderungen proaktiv anzunehmen“, heißt es auf der Website von Fusion Campus. Übertragen auf das Change-Management in Unternehmen bedeutet das: Mitarbeiter, die verstehen, wo die Reise hingeht, die im Rahmen des Veränderungsprozesses eigenständige Entscheidungen treffen können und darauf auch noch Feedback erhalten, bleiben eher bei der Stange als solche, die dem Wandel nur ohnmächtig zusehen können.
„Wir beraten Unternehmen, wie sie das Know-how von Spiele-Entwicklern für sich nutzen können.“
Arne Gels, Fusion Campus
Was keine völlig neue Erkenntnis sein mag, wird durch die Analogie zu Online-Games doch besonders greifbar. Sie ermöglicht den Perspektivwechsel, den Arne Gels und seine Mitstreiter bei ihren Kunden erreichen wollen. „Unser Ansatz ist, die Situation immer aus der Perspektive der Anwender zu betrachten, also aus Sicht der Mitarbeiter oder Bewerber. Was wollen die Anwender? Was brauchen sie, damit das Ziel des Kunden erreicht wird?“
Sowohl Arne Gels als auch die Geschäftsführerin Stefanie Waschk werden nicht müde zu betonen, dass die Lösung nur selten darin liege, ein eigenes Online-Game zu entwickeln. Im Zentrum stehe eben nicht das Spiel, sondern die darin angewandten Methoden. Aber keine Sorge: Gaming-Nerds und solche, die es werden wollen, kommen trotzdem auf ihre Kosten. Denn eines der bekanntesten Projekte von Fusion Campus ist die sogenannte Werksliga – ein E-Sports-Wettbewerb, bei dem verschiedene Unternehmen gegeneinander antreten und so potenzielle Bewerber auf sich aufmerksam machen.
Bei den Employer Branding Awards 2024 wurde die Werksliga, die Fusion Campus gemeinsam mit dem Krefelder Unternehmen TakeTV ausrichtet, mehrfach ausgezeichnet. Und die teilnehmenden Unternehmen – darunter die Marketingagentur GroupM, das Softwareunternehmen In-Tech und die genossenschaftliche DZ Bank – scheinen hochzufrieden. Sie berichten von einem verbesserten internen Zusammenhalt, von steigenden Bewerberzahlen und einer mitunter radikal veränderten Wahrnehmung der Arbeitgebermarke. Denn nicht nur eigene Mitarbeiter nehmen an der Werksliga teil. Auch Externe können sich um einen Platz in einem der Teams bewerben und die Unternehmen dadurch auf unkonventionelle Weise kennenlernen.
Auch so kann sie aussehen, die neue Welt des Recruiting. Lebenslauf, Motivationsschreiben, Einstellungstest? Lieber erst mal ne Runde gemeinsam zocken.
Sie müssen den Inhalt von reCAPTCHA laden, um das Formular abzuschicken. Bitte beachten Sie, dass dabei Daten mit Drittanbietern ausgetauscht werden.
Mehr InformationenSie sehen gerade einen Platzhalterinhalt von reCAPTCHA. Um auf den eigentlichen Inhalt zuzugreifen, klicken Sie auf die Schaltfläche unten. Bitte beachten Sie, dass dabei Daten an Drittanbieter weitergegeben werden.
Mehr Informationen