Leise Revolution auf vier Rädern
Wer heute beispielsweise auf der Düsseldorfer Schloßstraße unterwegs…
Deutschland brauche eine Kehrtwende, betont Andreas Schmitz, Präsident der IHK Düsseldorf. Die Industrie- und Handelskammer hat klare Erwartungen an die neue Bundesregierung adressiert. Immerhin: Düsseldorf stehe im Vergleich sehr gut da, sagt Schmitz im Interview.
Deutschland ist zuletzt im internationalen Vergleich zurückgefallen. Gilt das auch für Düsseldorf?
Vorneweg: Die Stadt steht gut da. Aber sie kann nicht isoliert von der Gesamtsituation betrachtet werden. Daher zunächst ein paar Einschätzungen zur aktuellen Lage, aus denen sich Forderungen an die neue Bundesregierung ergeben. Die vergangenen Jahre waren für Deutschland nicht nur negativ – das sollte der oft vorherrschenden negativen Stimmung entgegengehalten werden. Wir sind nach wie vor die drittgrößte Volkswirtschaft der Welt, haben einen guten Unternehmensmix und einen großen Fundus an qualifizierten Mitarbeitern. Unser duales Ausbildungssystem findet weltweit Beachtung. Und wir sind auch weiterhin innovativ. Andererseits ist in den vergangenen Jahren vieles liegen geblieben und wurde nicht angepackt. Überschüsse wurden nicht in Deutschland, sondern zum Beispiel in China oder den USA investiert. Bei der Infrastruktur hat man sich zu spät klargemacht, dass sie nicht für 100 Jahre gebaut worden war. Vor allem bremst die Bürokratie die Entwicklung – nicht nur in staatlichen Institutionen, auch in Unternehmen.
Was folgt daraus für die künftige Entwicklung?
Wir müssen dringend eine Kehrtwende vornehmen und uns zum Beispiel vom Wunsch nach absoluter Sicherheit verabschieden. Die gibt es nicht. Stattdessen sollten wir eine Unsicherheitskompetenz entwickeln. Das heißt: Wir müssen als Deutsche mehr Mut aufbringen, und wenn eine Entscheidung falsch war, sie sofort korrigieren. Und wir sollten uns an Ludwig Erhards wirtschaftliche Grundregel erinnern: Verteilen kann man nur, was zuvor erwirtschaftet wurde. Für die gegenwärtige Lage haben wir genug Analysen. Die Forderungen, die sich daraus ergeben, müssen wir jetzt umsetzen, die neue Bundesregierung muss hier neue Pflöcke einschlagen.

Kommen wir zu Düsseldorf. Was ergibt sich aus diesem Rahmen für die Stadt?
Auch hier zunächst eine positive Bestandsaufnahme: Düsseldorf könnte man fast als Insel der Glückseligen bezeichnen. In den vergangenen Jahren stiegen die Gewerbesteuereinnahmen von Rekord zu Rekord. Düsseldorf ist eine lebenswerte und überschaubare Stadt, die Menschen fühlen sich hier wohl. Der Flughafen verbindet die Region mit der Welt, die Messe stärkt Düsseldorfs internationale Bedeutung. Das zieht auch weiterhin neue Unternehmen an. Wir haben bereits die größten japanischen und chinesischen Gemeinschaften in Deutschland. Düsseldorf hat sich zudem in den vergangenen Jahren zu einem starken Standort für indische Unternehmen entwickelt. Ein guter Branchenmix stärkt weiterhin die Wirtschaft. Wichtig sind Branchen wie Mode, IT, Handel und Kreativwirtschaft. Viele renommierte Anwaltskanzleien und Wirtschaftsprüfer haben hier Niederlassungen. Und die Industrie hat nach wie vor einen hohen Anteil.

Stichwort Industrie: Wie steht es um sie in Düsseldorf?
Ihr Anteil an der Wirtschaftsleistung liegt bei 20 Prozent. Darin eingeschlossen sind auch die industrienahen Dienstleister und Start-ups. Dafür stehen große Unternehmen wie Henkel, Siemens, Mercedes mit dem Sprinterwerk oder Konekranes ebenso wie eine Vielzahl von Mittelständlern. Düsseldorf hat sich im Hinblick auf die industrielle Entwicklung insgesamt gut behauptet – trotz gegenteiliger Ereignisse wie der Schließung der Vallourec-Röhrenwerke. Sehr hilfreich ist der Masterplan Industrie, den die IHK gemeinsam mit anderen Akteuren initiiert hatte. So werden freiwerdende Industrieflächen erst einmal für neue Industrieansiedlungen reserviert. Das sichert Potenziale.

Start-ups gelten als Impulsgeber für die Industrie. Ist Düsseldorf hier gut aufgestellt?
Im Deutschland-Vergleich stehen wir gut da. Die vielfältige Universitätslandschaft der Metropolregion bildet für das Start-up-Ökosystem ebenso einen guten Nährboden wie die Vielzahl der Unternehmen, die die jungen Unternehmen als Partner oder Kunden unterstützen. Was fehlt – allerdings in ganz Deutschland, nicht nur Düsseldorf – ist die Anschubfinanzierung. So gibt es zu wenige Venture Capital-Fonds. Das läuft in den USA besser, deswegen gehen viele Start-up-Gründer dorthin.
Unterstützt die Stadt die Wirtschaft ausreichend?
Die Wirtschaftsförderung ist gut aufgestellt und hat hilfreiche Beratungs-, Förder- und Vernetzungsangebote, auch zum Beispiel für die Start-ups. Die Japan- und China-Kompetenzzentren beraten Unternehmen qualifiziert. In manchen Bereichen könnte die Wirtschaftsförderung noch aktiver werden. Aber das Beste ist ohnehin, wenn Unternehmen für den Standort werben, wenn zum Beispiel Japaner die Qualitäten der Stadt ihren Landsleuten weiterempfehlen. Leider bremst aber – wie auch sonst im Land – die Bürokratie vieles aus. Wie kann es zum Beispiel sein, dass sich der Umbau der Friedrichstraße über viele Jahre hinzieht? Das Baustellenmanagement könnte besser laufen. Und die Verwaltung muss die Digitalisierung zügig vorantreiben. Generell müssen sich Verwaltung, Wirtschaft und Gesellschaft darüber klar werden, wohin sich Düsseldorf entwickeln soll.

Haben Sie da konkrete Beispiele vor Augen?
Es zeigt sich, dass Kultur und Entertainment wichtige Standortfaktoren sind. Mit den Plänen für die Oper und für eine Eventfläche auf dem Messeparkplatz sind wir auf einem guten Weg. Wir sollten weitere Anziehungspunkte schaffen und betonen, dass Düsseldorf eine Stadt der Kunst, Kultur und Veranstaltungen ist. Das steigert die Attraktivität. Gleichzeitig sollten wir die Verbindung zur Industrie immer wieder hervorheben. Die „Lange Nacht der Industrie“ ist ein gutes Beispiel, da sie Menschen und Unternehmen zusammenbringt und die Bedeutung der Industrie für Arbeitsplätze und Lebensqualität verdeutlicht.
Ihr Fazit?
Insgesamt zeigt sich, dass Düsseldorf sehr gut aufgestellt ist und sich weiterhin positiv entwickeln wird – wenn wir jetzt die Weichen richtig stellen.
Das Interview führte Jürgen Grosche
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