Leise Revolution auf vier Rädern
Wer heute beispielsweise auf der Düsseldorfer Schloßstraße unterwegs…
Seit Dezember 2023 ist Miriam Brauns Polizeipräsidentin in Düsseldorf. Was sie anders macht als ihre männlichen Vorgänger, wie sie Düsseldorf sicherer machen möchte und mit welchen Herausforderungen die Polizei zu kämpfen hat, berichtet sie im Gespräch.
Frau Brauns, Sie haben Jura studiert, danach bei einer Bank gearbeitet. Trotzdem hat es Sie immer wieder zur Polizei gezogen. Warum?
Bei der Polizei spüre ich eine große Arbeitszufriedenheit. Ich sehe einen Sinn in meiner Tätigkeit. Abends am Abendbrottisch mit der Familie zu sitzen und zu wissen, dass ich etwas Sinnvolles getan habe – das treibt mich an. Und das betrifft bei der Polizei jede Position, egal, ob Sie Munition oder Schutzwesten bestellen, Rechnungen begleichen oder im Vollzugsdienst in die dritte Etage rennen und einer Frau helfen, die häusliche Gewalt erfahren hat. Wir alle sind Teil eines großen Ganzen im Sicherheitsapparat, und das gibt einem ein gutes Gefühl.
In Düsseldorf sind Sie die erste Polizeipräsidentin. Was machen Sie anders als Ihre männlichen Vorgänger?
Ich habe eine Vollzugsausbildung abgeschlossen und bin studierte Juristin, das hat es in dieser Rolle noch nicht gegeben. Ob ich direkt mit meinen Vorgängern vergleichbar bin, weiß ich nicht. Ich versuche, sehr präsent zu sein. Manche Kolleginnen oder Kollegen wundern sich, wenn ich nachfrage, nachfasse oder direkt die Leitstelle anrufe, wenn etwas passiert ist. Ich möchte die Kollegen nicht kontrollieren, sie sind ja die Profis auf ihrem Gebiet. Aber ich möchte immer auf dem neuesten Stand sein, egal, ob bei einem besonders gravierenden Fall oder bei ständig wiederkehrenden lästigen Delikten, die die Bürgerinnen und Bürger aber belasten. Ich sorge mich auch um Mitarbeitende, die im Dienst verletzt wurden. Ich lasse immer direkt anfragen, ob ich sie anrufen darf, wenn sie im Krankenhaus verbleiben. Ich kann auch verstehen, wenn jemand im Krankenstand nicht unbedingt mit mir sprechen möchte, aber ich versuche es zumindest. Zwischen all den Verwaltungsvorgängen und Disziplinarvorgängen, mit denen ich mich täglich befassen muss, spielt der Mensch für mich immer noch die wichtigste Rolle. Zuhören sehe ich als wichtigen Teil meines Jobs.
Die Zahl der Gewalttaten gegen Polizisten in Deutschland steigt jedes Jahr. Wie ist die Lage in Düsseldorf?
Das ist hier nicht anders. 2022 gab es 967 Angriffe auf Polizeivollzugsbeamtinnen und Polizeivollzugsbeamte. 2023 waren es schon 1327, und 2024 waren wir im Oktober dieses Jahres schon bei 1222. Das zeigt insgesamt das Verhalten gegenüber der Polizei.
Wie hat sich das verändert?
Unsere Maßnahmen werden häufiger infrage gestellt. Wenn wir jemanden anhalten, der mit 60 km/h durch eine 30er-Zone an einer Schule vorbeifährt, müssen wir uns erst mal dafür rechtfertigen. Der Ton, der von Bürgerinnen und Bürgern der Polizei gegenüber angeschlagen wird, ist ein ganz anderer. Früher haben wir solche Situationen mit viel weniger Aufwand und Personal beenden können, weil die Menschen einsichtiger waren – sie wussten, dass sie etwas falsch gemacht haben. Heute ist das leider nicht mehr so. Unsere Polizistinnen und Polizisten werden oft beschimpft, geschlagen, gebissen und bespuckt. Ich lese die Berichte wöchentlich und kenne die Beschimpfungen mittlerweile in mehreren Sprachen auswendig. Wir bringen alle Beleidigungen und tätlichen Angriffe gegenüber Polizistinnen und Polizisten dieser Behörde zur Anzeige. Das ist mir ein großes Bedürfnis. Und wir müssen die Kolleginnen und Kollegen stärker machen, mit diesen Anfeindungen umzugehen. Wir müssen ihnen klarmachen, dass die Mehrheit der Menschen nicht so handelt. Wir treffen eben nur sehr häufig auf diesen anderen Part der Gesellschaft.
„Bei der Polizei spüre ich eine große Arbeitszufriedenheit. Ich sehe einen Sinn in meiner Tätigkeit.“
Miriam Brauns
Ist Düsseldorf eine sichere Stadt?
In einer Landeshauptstadt muss man mit bestimmten Delikten naturgemäß häufiger rechnen als in anderen Städten. Hier gibt es einen großen Flughafen, täglich finden Messen statt, wir liegen in der Einflugschneise niederländischer Geldautomatensprenger, und wir sind für die Autobahnpolizei mit dem größten Autobahnpolizeistreckennetz NRWs zuständig – das sind über 700 Kilometer Autobahn. Einige Delikte wird es in Großstädten immer geben, das ist der Größe und Lage der Stadt geschuldet. Trotzdem arbeiten wir natürlich kontinuierlich daran, die Sicherheitslage in Düsseldorf mit Fokus auf bestimmte Delikte zu verbessern.
Nach anderthalb Jahren wurde im Oktober 2023 das Projekt „Sicherheit in der Düsseldorfer Innenstadt“ abgeschlossen. Erfolgreich?
Das Projekt ist mittlerweile Best Practice, wir haben sogar bundesweite Anfragen bekommen. Wichtig für den Erfolg war die Zusammenarbeit mit der Stadt Düsseldorf, alleine hätten wir das nicht geschafft. Wir haben die Präsenz der Polizei und des Ordnungsamtes erhöht, das kontinuierliche Vor-Ort-Sein hat für deutlich mehr Sicherheit gesorgt.
Mit dem Projekt „Sicherheit im Bahnhofsumfeld“ ist jetzt der nächste Abschnitt dran. Welche Herausforderungen gibt es da?
Kurz, nachdem ich meine Stelle als Polizeipräsidentin in Düsseldorf angetreten bin, habe ich mich auf mein Fahrrad gesetzt und bin in zivil an die Orte gefahren, über die viele Beschwerden vorliegen. Das war wichtig für meinen eigenen Eindruck. Vor allem am Worringer Platz ist mir viel Elend aufgefallen. Ich habe gezählt, wie viele Drogenkonsumenten und Dealer sich dort durchschnittlich aufhalten, das war eine erkleckliche Anzahl mitten am Tag. Leider ist es dort mit mehr Polizeipräsenz und Ordnungsamt allein nicht getan, das würde einfach nur zu einer Verdrängung führen. Die Lage ist viel komplexer als in der Altstadt. Es handelt sich nicht um Junggesellenabschiede aus dem Umland, die aus dem Ruder laufen, sondern um Menschen, die süchtig sind. Und Sucht ist eine Krankheit, die oft mit einem schweren Schicksal einhergeht.
Sicherheit spielt auch auf dem Weihnachtsmarkt eine große Rolle. Können Düsseldorfer ihn sorgenfrei besuchen?
Das hoffe ich und gehe davon aus. Ich war auch bei der Eröffnung am 21. November und danach schon privat selbst dort. Wir werden wieder mit den niederländischen Kollegen, weil ja sehr viele Niederländer sich den Düsseldorfer Weihnachtsmarkt anschauen, stark präsent sein. Wer beobachtet, dass sich jemand auffällig verhält, der gar nicht an den Ständen interessiert und auch sich nicht zu amüsieren scheint, soll uns direkt ansprechen oder die 110 wählen. Es gibt keinen Grund, den Weihnachtsmarkt nicht zu besuchen. Dann dürften wir auch auf kein Konzert mehr gehen, die U-Bahn nicht mehr nutzen, keinen Karneval feiern. Wo bleibt dann unsere rheinische Kultur?
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