Leise Revolution auf vier Rädern
Wer heute beispielsweise auf der Düsseldorfer Schloßstraße unterwegs…
Simone Kesch hat nicht nur eine ungewöhnliche Vita. Sie übt auch einen Beruf aus, in dem Frauen noch immer recht selten anzutreffen sind – und zwar mit Leidenschaft, Engagement und immer neuen Ideen.
Simone Kesch stieg fachfremd in die Branche ein, machte aus einer in die Jahre gekommenen Firma einen modernen Kfz-Meisterbetrieb und bildet mit Leidenschaft aus.
Gebrauchte Reifen als Pflanzkübel, auf einem Container eine begrünte Terrasse, die aufgeräumte Halle mit Hebebühnen licht und einladend, dazu noch eine schick mit schwarzen Sesseln ausgestattete Wartelounge: Im „autowerk“ auf dem Areal Böhler, einem Reifenhandel mit Kfz-Werkstatt, ist es außergewöhnlich wohnlich. Das verdankt sich Simone Kesch, die hier seit 2011 das Sagen hat. Fachfremd stieg sie damals in eine Domäne ein, die landläufig eher mit Männern besetzt ist. „Ich hatte das Abitur abgebrochen, weil ich schulmüde war und nicht so recht wusste, was ich werden wollte“, erzählt die gebürtige Mülheimerin.
Es folgten eine Ausbildung zur Justizangestellten, dann die Arbeit als Sekretärin in einer Düsseldorfer Werbeagentur. „Letztere ging schon in die richtige Richtung, aber es war klar, dass ich ohne Studium nicht viel weiter kommen würde.“ Mit Anfang 20 holte sie das Abitur auf dem zweiten Bildungsweg nach, studierte neben dem Beruf BWL mit Schwerpunkt Marketing und Kommunikation. „Meine Eltern – meine Mutter war Hausfrau, mein Vater Handwerker – waren unglaublich stolz auf mich. Ich habe noch vier jüngere Geschwister, und ich war die Erste aus der Familie, die studiert hat.“
Dann kamen sechs Jahre als Marketingmanagerin im Outlet-Center Roermond; in dieser Zeit wurde sie auch Mutter eines Sohns. Und als der zweieinhalb Jahre alt war, griff sie zu, als ihr ein Reifenhandel angeboten wurde. Sie krempelte die Ärmel hoch und machte aus einer in die Jahre gekommenen Werkstatt auf 6.500 Quadratmetern einen Rund-um-sorglos-Betrieb für Autofahrer. „Anfangs wurde ich schon ein bisschen komisch angeschaut, aber das hat sich rasch gelegt“, sagt sie. „Heute bin ich sogar im Beirat der Goodyear Retail Systems.“

Aus den vier Mitarbeitern, die sie 2011 übernahm, sind 17 geworden, zum Reifenhandel sind ein Kfz-Meisterbetrieb mit Service- und Reparaturleistungen – von der Achsvermessung über die Scheibenreparatur bis hin zur Inspektion nach Herstellervorgaben – sowie die Themen E-Mobilität und Firmenwagen hinzugekommen. Die 6.500 Quadratmeter sind mittlerweile völlig ausgeschöpft.
„Als Teil der Kfz-Branche sind wir uns unserer Verantwortung bewusst, das Klima nachhaltig zu schützen.“
Simone Kesch
„Weiter wachsen möchte ich nicht“, sagt Simone Kesch, die sich mit ihrem Betrieb auch für den Umweltschutz stark macht. „Als Teil der Kfz-Branche sind wir uns unserer Verantwortung bewusst, das Klima nachhaltig zu schützen und seit einigen Jahren sehr aktiv, was das ‚Grünwerden‘ der Werkstatt angeht“, sagt die 52-Jährige. So wurden unter anderem das Dach und die Fenster erneuert sowie eine neue effizientere Hallenheizung installiert. „Im Moment sind wir dabei, Werkstatt und Büro auf komplett papierlos umzustellen.“ Und für jede Google-Bewertung spendet sie in Kooperation mit dem Review-Forest-Projekt fünf Euro für neue Bäume.

„Azubis am Steuer“
Seit zwölf Jahren bildet Simone Kesch zudem aus. „Jeder hat eine soziale Verantwortung – und dazu gehört auch, auszubilden.“ Alle bisherigen Azubis hat sie übernommen, fünf junge Menschen machen zurzeit bei ihr Lehren zu Kaufleuten für Büromanagement und zu Kfz-Mechatronikern für Pkw-Technik. Für ihre Lehrlinge hatte sie sich im Frühjahr auch die Aktion „Azubis am Steuer“ ausgedacht. „Unsere Azubis konnten dabei mit erfahrenen Mitarbeitern im Hintergrund testen, was sie schon können und ihnen Spaß macht, und für unsere Kunden gab es attraktive Angebote.“
Auch die Teilnahme des Betriebs am Praktikanten-Austausch des „Erasmus+“-Programms sei sehr erfolgreich gewesen und habe den Horizont aller erweitert. „Es macht mir unglaublich viel Freude, junge Leute auszubilden. Oft kommen sie per Mundpropaganda zu uns“, sagt Simone Kesch, die für das kommende Jahr wieder Azubis sucht und größten Wert auf den Zusammenhalt im Team legt. So gelang es gemeinsam, einen afghanischen Azubi erfolgreich zu integrieren. „Wir haben für ihn eine Wohnung gesucht, mit ihm renoviert, ich habe dafür gebürgt, und wir haben ihn immer wieder motiviert.“
Zur Motivation aller gehören auch gemeinsame Erlebnisse. Beispielsweise gab es in diesem Sommer im Anschluss an eine Teambuilding-Maßnahme eine Wochenendfahrt in die Niederlande für alle, die Lust dazu hatten. Und wenn mal weniger zu tun ist, wird in der Mittagspause zuweilen zusammen gegrillt. All dies zahlt sich aus: Die Kollegen helfen sich auch gegenseitig gerne aus.
Wer übrigens einfach mal ein Praktikum machen möchte, ist im autowerk stets willkommen, in den Berufsalltag bei einem Kfz- und Reifenspezialisten reinzuschnuppern – die aktuellen Azubis jedenfalls sind offensichtlich stolz auf ihren Betrieb. „Manche von ihnen“, sagt Simone Kesch, „tragen ihre Arbeitskleidung auch privat.“
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