Leise Revolution auf vier Rädern
Wer heute beispielsweise auf der Düsseldorfer Schloßstraße unterwegs…
Düsseldorf verfügt über unzählige Kunstschätze, die für jedermann zugänglich sind – im öffentlichen Raum. Rund 1.000 Objekte gibt es im Stadtgebiet, wir haben uns mit Kunsthistoriker und Galerist Klaus Siepmann auf Entdeckungstour begeben.
Das imposante Bronze-Nashorn des Künstlers Johannes Brus ist das perfekte Foto-Motiv, um die Schönheit von Ehrenhof und Tonhalle zu zeigen – findet auch Kunsthistoriker und Galerist Klaus Siepmann.
Hand aufs Herz – wie gut kennen Sie eigentlich Ihre Stadt? Was wissen Sie über die Kunst in Düsseldorf? Und damit sind nicht unsere fantastischen Museen wie beispielsweise das K 20 und K 21, die Kunsthalle, der Kunstpalast oder das Hetjens Museum gemeint. Die Rede ist von der Kunst im öffentlichen Raum. Wie oft sind Sie schon an Werken vorbeigegangen, die in Parks, an Alleen oder bekannten Gebäuden schon seit vielen Jahrzehnten und länger ihr Dasein fristen, und haben diese vielleicht gar nicht wahrgenommen oder sie eventuell registriert, aber nicht wirklich „gesehen“? Denn viele Objekte, die sich so wunderbar in ihre Umgebung einfügen, sind nicht nur schön zu betrachten, oftmals verbirgt sich dahinter eine spannende Geschichte, die erzählt werden will.
Wussten Sie etwa, dass keine Geringere als Kaiserin Elisabeth von Österreich-Ungarn, allen auch bekannt als Sisi, eine glühende Verehrerin von Heinrich Heine war und ihm ein pompöses Denkmal, genauer gesagt einen Brunnen, im Hofgarten errichten wollte? Wir jedenfalls wussten dies bis dato nicht, staunen und wollen natürlich mehr erfahren. Klaus Siepmann kann unsere Neugier schnell befriedigen (dazu später mehr). Denn mit dem Kunsthistoriker und Galeristen haben wir einen Experten an der Seite, der in Sachen Kunst, Stadtgeschichte und Stadtentwicklung bestens Bescheid weiß. Wir gehen heute zum dritten Mal in diesem Jahr mit ihm auf Spurensuche, diesmal wollen wir uns ausschließlich mit Kunstwerken beschäftigen, die für jeden öffentlich zugänglich sind und viel über die Landeshauptstadt preisgeben.
Treffpunkt ist diesmal der Ehrenhof. „Über die gesamte Stadtfläche verteilt gibt es rund 1.000 Objekte im öffentlichen Raum, mehrere Hundert davon allein in der Innenstadt“, berichtet uns Klaus Siepmann. Wir wollen uns heute allerdings „nur“ auf einen Teil der nördlichen Innenstadt beschränken. „Da gibt es bereits mehr als genug zu entdecken“, verspricht der Fachmann. Und dann geht es auch direkt los. Wir schauen nach oben auf die Muschelkalk-Skulptur „Aurora“ des Bildhauers Arno Breker, die seit der Eröffnung des Ehrenhofs 1926 auf dem Dach liegt und heute die warmen Sonnenstrahlen an diesem wunderbaren Sommermorgen zu genießen scheint. Wir gehen nur wenige Schritte weiter und treffen auf ein lebensgroßes Nashorn. Die imposante Bronze des Künstlers Johannes Brus stammt aus dem Jahr 2002 und ruht seit 2011 im Gras direkt vor dem Kunstpalast. Mit Blick auf die Tonhalle ein perfektes Foto-Motiv, wie wir finden, um die Schönheit von Düsseldorf zu zeigen. Und das Beste: Klettern aufs Nashorn ist erlaubt.
Wir machen uns auf den Weg in Richtung Tonhalle. Das Zuhause der Düsseldorfer Symphoniker war nicht immer eines der schönstes Konzerthäuser Deutschlands. Zuerst war das Gebäude, das 1926 am Rheinufer entstand, ein Planetarium. An der Seite befinden sich vier große Stein-Skulpturen des Bildhauers Carl Moritz Schreiner, die Mars und Jupiter sowie Venus und Saturn symbolisieren. Sie stammen aus der Zeit, als sich in diesem architektonischen Prachtbau alles ums Universum drehte, bevor er 1979 zur Tonhalle umgebaut wurde. Wir bleiben vor einer Bronze-Tafel rechts vom Haupteingang mit folgender Inschrift stehen: „Dort wo man Bücher verbrennt, verbrennt man auch am Ende Menschen.“ Ein Zitat vom wohl bekanntesten Sohn der Stadt, Heinrich Heine. „Es erinnert an die erste Bücherverbrennung in Düsseldorf im April 1933, die genau hier an dieser Stelle stattgefunden hat“, erklärt der 59-Jährige. „Die zweite folgte dann im Mai 1933 vor dem Rathaus.“
Wir passieren nachdenklich die Überreste des Denkmals für die Gefallenen des Füsilier-Regiments Nr. 39 als Mahnung gegen Terror und Intoleranz, schauen kurz auf den umgestürzten Flügel des japanischen Künstlers Sohei Hashimoto auf dem Vorplatz der Tonhalle und bestaunen den imposanten Bau der Kunstakademie. Wir verweilen dort vor einem eher skurril anmutenden Stahlobjekt namens „Großmutter Erde“ vom Ungar Sandro Antal, ein Bettgestell, das mitten im Gras steht. Die Intention dieses Kunstwerkes zu erklären würde an dieser Stelle sicherlich zu weit führen, aber dafür gibt es ja die professionellen Spaziergänge mit Klaus Siepmann. Er kann zu allem und jedem etwas erzählen, weiß auf nahezu alle historischen Fragen eine Antwort.
Bei unserem Rundgang treffen wir auf die Bronzeplastik von Mutter Ey (von Bert Gerresheim) auf dem eigens nach ihr benannten Platz, sehen die bunte Wand „Hornet“ von Sarah Morris an der Kunstsammlung und bestaunen die vier Karyatiden, die Stützpfeiler der alten Kunsthalle, die einst am Grabbeplatz stand. Jetzt befinden sich die Statuen der vier griechischen Frauen neben der Kunsthalle am Kay-und Lore-Lorentz-Platz – in unmittelbarer Nähe zum „Ofenrohr“ von Joseph Beuys. Dieses ragt aus dem Gebäude heraus und bildet einen deutlichen Kontrast zu seiner Umgebung. Über die Intention wurde viel gedeutet. Letztlich handelt es sich bei dem Ofenrohr um den nach außen sichtbaren Teil der Installation „Loch“. Das Loch in der Betonwand war Beuys‘ Beitrag zu der Ausstellung „Schwarz“ 1981 im Emporensaal der Kunsthalle und sollte eine Verbindung zwischen dem Kunstraum im Inneren des Gebäudes und dem sozialen Umfeld im Außenbereich herstellen.
Und noch eine Besonderheit finden wir an der Fassade der Kunsthalle, ganz dezent und nur für das geübte Auge sichtbar: die „Träne“ von James Lee Byars. Als Joseph Beuys am 23. Januar 1986 verstarb, soll der Künstler auf dem Dach der Kunsthalle bittere Tränen vergossen haben. Diese Spuren der Trauer sind rechts neben dem Eingang zu erkennen. Eine rote Linie zieht sich vom Dach bis zu einem Absatz, wo die Träne aufprallt und in viele kleine Tränen-Rinnsale zerspringt.
Wir wechseln die Straßenseite. Unser nächstes Ziel lautet Hofgarten. Gleich neben der Oper treffen wir auf das Denkmal für Felix Mendelssohn Bartholdy, der von 1833 bis 1835 Generalmusikdirektor der Stadt Düsseldorf war. Weiter geht’s zur Robert Schumann-Büste (von Karl Hartung, 1956) und zur „Liegenden Figur in zwei Teilen“ von Henry Moore. Faszinierend! Und dann kommen wir schon zum „Märchenbrunnen“ des Franzosen Max Blondat (1905/Replik 1984). Weitere Exemplare dieses Brunnens befinden sich übrigens in Odessa, Zürich, Dijon und Denver. Und sogar in einem Bergarbeiterdorf in Mexiko soll ein weiterer beheimatet sein. Das klingt für uns tatsächlich märchenhaft …
Und was war nun eigentlich aus dem Brunnen zu Ehren Heinrich Heines geworden? Auch diese Geschichte kann Klaus Siepmann zum Besten geben: Eigentlich sollte der Brunnen eine Liebeserklärung der besonderen Art werden, denn Kaiserin Elisabeth von Österreich-Ungarn war ein riesiger Fan des Dichters. Sie hatte bei dem Bildhauer Ernst-Gustav Herter einen Brunnen aus Marmor in Auftrag gegeben, dessen Figuren die volkstümliche Sage von der Loreley erzählten. Den fertiggestellten Brunnen wollte Sisi zum 100-jährigen Geburtstag Heines 1897 Düsseldorf schenken. Doch die Stadtväter lehnten das Kunstwerk aus Wien ab, zu sehr war die Zeit um die Jahrhundertwende von Antisemitismus geprägt, sodass ein Denkmal für den Juden Heine nicht erwünscht war. Und was ist aus dem Brunnen geworden? Kaum zu glauben, aber er steht seit 1899 im Joyce-Kilmer-Park in New York. An der Stelle, an der Heines Brunnen im Hofgarten hätte verewigt werden sollen, steht indes ein klassizistisches Kriegerdenkmal von Karl Hilgers. Es wurde am 18. Oktober 1892 eingeweiht und ist den gefallenen Düsseldorfer Soldaten der deutschen Einigungskriege (1864 bis 1866) und des Deutsch-Französischen Kriegs (1870/71) gewidmet.
Wir nähern uns dem Ende unserer Tour. Noch schnell einen Blick auf den „Grönen Jong“ von Josef Hammerschmidt im Großen Weiher an der Jägerhofallee, auf das Gustaf Gründgens-Denkmal von Bildhauer Peter Rübsam (1984) hinter dem Schauspielhaus und den gigantischen, 1,2 Tonnen schweren Uecker-Nagel vor dem Kö-Bogen. Letzte Station für heute ist der Tritonenbrunnen von Bildhauer Friedrich Coubillier am Ende des Stadtgrabens an der Königsallee. Wir schlagen den Weg über den Schadowplatz ein. Apropos Schadow: Immer häufiger sprechen junge Leute und Touristen (und nicht nur aus dem Ausland) den Namen englisch wie „Shadow“ aus. Doch mit Schatten hat der Maler Friedrich Wilhelm von Schadow, Mitbegründer der Düsseldorfer Malerschule, nichts zu tun.
Nach zwei Stunden geballter Kunst- und Stadtgeschichte verabschieden wir uns von Klaus Siepmann und verabreden uns schon zu unserem nächsten Spaziergang zu den geheimen Orten im Düsseldorfer Hafen. Eines haben wir neben all den Fakten heute gelernt: Demnächst werden wir ganz bestimmt mit offeneren Augen durch die Stadt laufen und scheinbar Altbekanntes neu entdecken …
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