Leise Revolution auf vier Rädern
Wer heute beispielsweise auf der Düsseldorfer Schloßstraße unterwegs…
Der Nordfriedhof ist nicht nur letzte Ruhestätte für unzählige Prominente, Wirtschaftsmagnaten, Politiker und Künstler – seine Gräber erzählen Geschichten, die diesen Ort der Toten lebendig halten.
Der Lieblingsplatz von Kunsthistoriker und Galerist Klaus Siepmann: am Grab des Komponisten Norbert Burgmüller
Die Sonne lacht freundlich vom Himmel, als wir uns an jenem Samstagmorgen am Haupteingang des Nordfriedhofs treffen. Klaus Siepmann ist mit uns verabredet. Der Kunsthistoriker und Galerist hat uns heute zu einem Rundgang über den größten Parkfriedhof des Rheinlandes eingeladen, der sicherlich auch zu den beeindruckendsten seiner Art zählt. Er will uns an diesem Tag allerdings nicht nur für die Schönheit und Ästhetik dieser Anlage begeistern. Vielmehr erfahren wir unzählige spannende Geschichten, mitunter skurrile Begebenheiten, historische Ereignisse und auch tragische Schicksale von Menschen, die hier ihre letzte Ruhestätte gefunden haben. Und wir sprechen viel über Kunst, die uns auf unserem zweistündigen Spaziergang immer wieder begegnen wird …
„Unter jedem Grabstein liegt eine Weltgeschichte“, schrieb schon Düsseldorfs bekanntester Sohn Heinrich Heine. Wie recht er hat. Das wird uns an diesem Vormittag mehr als bewusst. Doch dazu später. Der Nordfriedhof ist mit einer Gesamtfläche von 70 Hektar Düsseldorfs größter Friedhof. Er liegt zwischen Flughafen und Innenstadt im Stadtteil Derendorf. 1882 wurde ein Ideenwettbewerb für den „Friedhof hinter dem Tannenwäldchen“ (so hieß er bis 1904) ausgeschrieben, nachdem der Golzheimer Friedhof zu klein geworden war. Düsseldorf wuchs in jener Zeit rasant. Waren es 1882 noch rund 100.000 Einwohner, lag die Zahl 1914 bereits bei 400.000. Viele Gartenarchitekten aus dem In- und Ausland reichten ihre Entwürfe ein. Den Zuschlag erhielt letztendlich Eduard Hoppe aus Berlin Pankow. Er gestaltete die Kernzone im Bereich des Haupteingangs in Anlehnung an französische Stilelemente. Kapelle und Leichenhalle im neugotischen Stil (beide konzipiert von Stadtbaumeister Eberhard Westhofen) sowie den Standort für ein dominierendes Hochkreuz legte er in einer Nord-Süd-Achse an. Zwischen Eingangsbereich und Kapelle plante er großzügige Blumenbeete und Rasenflächen. Für das Hauptwegenetz sah Hoppe großzügige Alleen mit unterschiedlichen Baumarten vor. Das restliche Plangebiet mit damals rund 21 Hektar gestaltete er im englischen Gartenstil. 1884 wurde der Friedhof schließlich seiner Bestimmung übergeben. „Heute befinden sich auf dem Nordfriedhof mehr als 49.000 Grabstätten mit 220.000 Bestatteten“, weiß Klaus Siepmann zu berichten. „Elf Kilometer zählen die Hauptwege, 90 Kilometer alle Nebenwege in den Grabfeldern.“ Nur gut, dass wir uns am Morgen für bequeme Sneaker entschieden haben …
Seit 20 Jahren bietet der Kunsthistoriker nun schon Rundgänge über den Nordfriedhof an, was seine Begeisterung für diesen geschichtsträchtigen Ort nicht schmälert. Im Gegenteil: Klaus Siepmann weiß beinahe zu jedem Grab Interessantes zu berichten. Wobei wir wieder bei Heines Zitat wären … Am Grab von Andreas Achenbach (1815 bis 1910), der zu den bedeutenden Landschaftsmalern der Romantik und zu einer der führenden Künstlerpersönlichkeiten der Düsseldorfer Malerschule zählte, bleiben wir für einen Moment lang stehen. Sein Grab wird von einem imposanten Engel geschmückt. „Der Engel im Trauergestus auf dem Postament ist von dem bekannten Düsseldorfer Bildhauer Karl Janssen geschaffen. Dieser lebte von 1855 bis 1927. Die nach unten gerichtete Posaune symbolisiert den erloschenen Lebensklang“, erläutert der Kunsthistoriker. „Janssen wird uns auf diesem Friedhof noch häufiger begegnen, er gestaltete unter anderem auch Grabmäler von Albert Poensgen und der Familie Henkel.“ Den Düsseldorfern dürfte allerdings das Kaiser-Wilhelm-Denkmal vor dem Justizministerium am Martin-Luther-Platz ein Begriff sein, welches Janssen auch zu seinen Werken zählt. Nicht weit entfernt befindet sich auch das doch sehr schlicht gehaltene Grab von Oswald Achenbach, der ebenso wie sein zwölf Jahre älterer Bruder zu den bedeutendsten deutschen Landschaftsmalern seiner Zeit gehörte. Während Andreas allerdings vornehmlich durch seine Seestücke und Hafenansichten bekannt wurde, zeichnete sich Oswald durch seine Italien-Bilder aus.
Wir schlendern weiter, machen kurz Halt am Grab von Treuhandchef Detlev Rohwedder, der 1991 in seinem Haus in Oberkassel erschossen wurde, kommen an den Gräbern der ehemaligen Oberbürgermeister Willi Becker, Klaus Bungert und Joachim Erwin vorbei, verweilen einen Moment bei Johanna „Mutter“ Ey, deren letzte Ruhestätte eine Bronze-Büste des Düsseldorfer Bildhauers Bert Gerresheim ziert, und steuern das Ehrengrab von Josef Kleesattel (1852 bis 1926) an. Das Werk des Professors und Architekten war prägend für den Kirchenbau im Rheinland. Von ihm stammten die Katholischen Pfarrkirchen St. Rochus und Heilig Geist in Pempelfort, St. Antonius in Oberkassel, St. Josef in Rath, Herz-Jesu in Derendorf, St. Blasius in Hamm, St. Paulus in Düsseltal, St. Ursula in Grafenberg und St. Elisabeth in Flingern. Doch nicht genug: Auch das heutige Standesamt an der Inselstraße oder das Künstler-Atelier-Haus an der Sittarder Straße wurden von ihm geplant und umgesetzt.
Die Wege werden ein wenig steiler. „Sagt Ihnen der Millionenhügel etwas?“, fragt mich unser Begleiter. Jetzt bloß nicht patzen. „Ja“, sage ich, „der befindet sich auch hier auf dem Nordfriedhof. Dort liegen die Angehörigen vieler Industriellen-Familien.“ „Richtig“, bestätigt Klaus Siepmann. „Hier gibt es die Gräber der Familien Haniel, Lueg, Poensgen, Heye und Trinkaus.“ Aber auch Namen wie Günnewig und William Thomas Mulvany, dem irischen Wasserbauingenieur, lesen wir ein wenig abseits. Und dann ist da noch die wohl imposanteste Grabstätte auf diesem Fleckchen Erde, und zwar die von Konzerngründer Fritz Henkel: im Stil eines griechischen Tempels mit einer schlafenden Göttin im Zentrum. Da stockt uns für einen Moment der Atem. Doch was ist das? Etwa an der Grabstätte der Poensgens fehlt ein kupferner Kandelaber und Platten mit Namen von Angehörigen. Und wenn man genauer hinsieht, zeugen auch an anderen Gräbern leere Flächen von entwendeten geschmiedeten Eisenketten und metallenen Schildern. „Hier haben Metalldiebe zugeschlagen.“ Grabräuberei 2.0. Schockierend, finden wir, manchen Menschen scheint nichts heilig zu sein, noch nicht einmal die Ruhestätten der Toten …
An diesem Vormittag sehen wir noch viele wunderschöne Grabstätten. Ob von Theaterleiterin Louise Dumont-Lindemann, Forscher, Sammler und Stifter Theodor Löbbecke, Dichterin Clara Viebig, Komponist Norbert Burgmüller, Modeschöpfer Hanns Friedrichs, dem ehemaligen Bürgermeister Friedrich G. Conzen, Schauspieler Wolfgang Arps, Forscher und Sammler Laurenz Hetjens, Künstler Anatol, Fotograf Bernd Becher und, und, und … So viele große Namen, die alle eins gemein haben, die Botschaft, dass „du sterblich bist“: Memento mori!
Eine sehr skurrile Anekdote lässt uns am Ende unseres Spaziergangs schmunzeln: die Geschichte von der Mumie auf der Kö. Ein italienischer Anwalt namens Luigi Mancini, der an der Königsallee 12 wohnte, schrieb im Mai 1930 einen Brief an den damaligen Düsseldorfer Stadtoberarzt mit einem äußerst bizarren Anliegen: Er wolle seine im Februar 1928 in Genua verstorbene Frau Wilhelmine (Mädchenname Faccenda und geboren in Düsseldorf) in seine Wohnung zurückholen und sie dort für einige Tage behalten, um sie dann in einem Mausoleum beisetzen zu lassen. Der Leichnam sei ordnungsgemäß einbalsamiert worden. Man gewährte ihm eine Frist von fünf Tagen. Allerdings hatte der Witwer seine tote Frau schon längst wieder an den Rhein geholt. Und plötzlich wollte er der Stadt klarmachen, sie solle in der Wohnung bleiben. Er sei der „Universalerbe der Hülle der Entschlafenen“. Es kam, wie es kommen musste. Nach langem Hin und Her, heftigen Briefwechseln und dem Einschalten der Familie der Verstorbenen wurde die Leiche im September 1930 von der Polizei aus dem Haus geholt und auf dem Nordfriedhof im Familiengrab der Faccendas beerdigt.
So viel erfahren, so viel gelernt an diesem Vormittag. Klaus Siepmann könnte sicherlich noch viele Stunden mehr referieren. Doch wir wollen die vielen Informationen und all das Wissenswerte, das auf uns eingeprasselt ist, erst einmal sacken lassen und verabreden uns für eine weitere Tour. Auf dem Nachhauseweg fällt mir wieder das Zitat vom guten alten Heine ein. Sein Grab befindet sich zwar – wie jeder Düsseldorfer weiß – nicht auf dem Nordfriedhof, sondern auf dem Friedhof Montmartre in Paris. Aber mit seinem Zitat hat er uns doch heute die ganze Zeit begleitet …
Sie müssen den Inhalt von reCAPTCHA laden, um das Formular abzuschicken. Bitte beachten Sie, dass dabei Daten mit Drittanbietern ausgetauscht werden.
Mehr InformationenSie sehen gerade einen Platzhalterinhalt von reCAPTCHA. Um auf den eigentlichen Inhalt zuzugreifen, klicken Sie auf die Schaltfläche unten. Bitte beachten Sie, dass dabei Daten an Drittanbieter weitergegeben werden.
Mehr Informationen