Leise Revolution auf vier Rädern
Wer heute beispielsweise auf der Düsseldorfer Schloßstraße unterwegs…
Dr. Karsten Henco, einer der bekanntesten deutschen Wissenschaftler im Bereich der Biotechnologie und Mitgründer von Qiagen, hat es sich zur Aufgabe gemacht, junge innovative Life-Science-Unternehmen bei der Unternehmensgründung zu unterstützen und ihnen zum Erfolg zu verhelfen.
Dr. Karsten Henco unterstützt junge Unternehmen, um bezahlbare Medikamente, unter anderem gegen Alzheimer und Krebs, auf den Markt zu bringen.
Beinahe wäre Dr. Karsten Henco Arzt geworden, einen Studienplatz für Medizin hatte er nach dem Abitur bereits. Aber auch die Biochemie, ein in den 1970er-Jahren noch eher seltener Studiengang, hatte ihn schon früh interessiert. „Meine damalige Überlegung war, dass ich als Arzt bei jeder Behandlung stets nur jeweils einem Patienten helfen könnte. Als Biochemiker könnte ich im Erfolgsfall mit meiner Forschung dazu beitragen, neue Arzneimittel und Therapien zu entwickeln – und damit vielen Menschen helfen“, erinnert sich der heute 72-Jährige. Also studierte er in Hannover und Darmstadt Biochemie, promovierte und absolvierte anschließend seine Postdoktorandenausbildung in der Schweiz bei Professor Charles Weissmann – der übrigens in den 1970er-Jahren maßgeblich an der Etablierung der damals neuen Fachrichtung Molekularbiologie beteiligt war. Ganz besonders fasziniert war Karsten Henco bereits als junger Mann von der Natur, die für bestimmte Aufgaben und Herausforderungen stets die beste Lösung findet – und er wollte die Gesetzmäßigkeiten und Mechanismen dahinter verstehen und für das Labor kopieren. Dabei unterstützt hat ihn einer seiner Ziehväter, der Chemie-Nobelpreisträger und Begründer des Max-Planck-Instituts für biophysikalische Chemie in Göttingen, Professor Manfred Eigen. Denn Manfred Eigen gab sich mit Lehrbuchmeinungen nicht zufrieden – diesem Beispiel ist Karsten Henco gefolgt.
Dass er 1982 von der BASF in Ludwigshafen angeworben wurde, um die neue Disziplin der Gentechnik zu etablieren, ist somit ganz sicher kein Zufall. Dort entwickelte übrigens seine Forschergruppe das Rheumamittel Humira, später einmal „das umsatzstärkste Medikament der Welt“. Die Möglichkeit, seine Pharmaträume zu verwirklichen, sah Karsten Henco innerhalb der BASF dennoch nicht. Er wollte sich weiterentwickeln, und zwar entweder in einem anderen Unternehmen – einen Arbeitsvertrag von Roche in der Schweiz hatte er bereits in der Tasche – oder eben mit der Gründung seines eigenen Unternehmens. Und weil er von seiner Disziplin und seinem Können fest überzeugt war, gründete er 1984 gemeinsam mit dem Biophysiker Professor Detlev Riesner und zwei Freunden und ehemaligen Kollegen als Ausgründung der Universität Düsseldorf die Qiagen GmbH in Hilden – bis heute nach BioNtech Deutschlands größtes Biotechnologie-Unternehmen und einer der Weltmarktführer in der molekularbiologischen Diagnostik. Qiagen hatte sich anfangs auf die Entwicklung neuer Methoden zur Aufreinigung von Genmolekülen (DNA/RNA)-Proben spezialisiert – und es gelang, diesen ehemals aufwendigen Laborprozess für die Diagnostik kostengünstig auf Einmalmaterialien zu reduzieren. „Das war zunächst ein absolut illusionäres Ziel, und natürlich wollte uns keine Bank Geld geben. Man hielt uns für ‚total bescheuert‘. Wir sind dann mit Wagniskapital, zum Teil aus den USA, in Höhe von fünf Millionen DM gestartet“, erzählt Karsten Henco. Als großes persönliches Risiko hat er diese Unternehmensgründung nie angesehen, denn er ist fest davon überzeugt, dass es für jeden beruflich immer weitergehen wird, sofern man weiß, dass man in seinem Metier gut ist, allerdings bescheiden bleibt und die eigenen Kräfte nicht überschätzt.
Diese Einschätzung hat ihm nicht nur bei Qiagen zum Erfolg verholfen, sondern führt seit inzwischen mehr als 20 Jahren dazu, dass es ihm immer wieder gelingt, neuen Unternehmen auf die Beine zu helfen, damit bahnbrechende neuartige Therapien schnellstmöglich auf den Markt gebracht werden können – und zwar zum Nutzen von Patientinnen und Patienten. Ein gutes Beispiel dafür ist das in der Schweiz im Jahr 2006 gegründete Unternehmen Neurimmune, zu dessen Anteilseignern und Beratern Dr. Henco gehört. Auch hier war das Ziel anfangs in den Augen vieler illusionär, denn man wollte – nach jahrzehntelanger erfolgloser Alzheimerforschung – den Durchbruch im Kampf gegen diese Krankheit schaffen und sie zum Stillstand bringen. Bei der Alzheimerkrankheit lagert sich im Gehirn Betroffener ein Protein namens beta-Amyloid ab, das dessen Nervenzellen fortschreitend schädigt – seine Entfernung gehört zu den therapeutischen Zielen bei dieser Erkrankung. „Als ich Professor Roger Nitsch, den heutigen CEO von Neurimmune, kennenlernte, hatte er Zugang zu einer Reihe von Patienten mit untypischem Verlauf der Krankheit – bei ihnen war sie quasi zum Stillstand gekommen“, erinnert sich Karsten Henco. Es stellte sich im Laufe der weiteren Forschungen, unter anderem über Tests an Mäusen mit Alzheimer-Symptomatik, heraus, dass diese Patienten anti-Amyloid-Antikörper in sich trugen – ein guter Grund, die Forschungen auszuweiten und das Unternehmen Neurimmune zu gründen. So wurde auf Basis dieser Erkenntnisse der Wirkstoff Aducanumab, ein menschlicher Antikörper, erforscht, der den Rückgang der Gehirnfunktion in der frühen Phase der Krankheit tatsächlich verlangsamen kann. Inzwischen ist Aducanumab in den USA zur Behandlung der Alzheimerkrankheit zugelassen. Das Ziel, so Karsten Henco, sei es nun, das Medikament zu einem bezahlbaren Preis allen im Frühstadium Erkrankten zur Verfügung zu stellen.
„Keine Bank wollte uns Geld geben, man hielt uns für ,total bescheuert‘.“ Dr. Karsten Henco

Ein ebenso faszinierendes Beispiel dafür, dass auch visionäre und scheinbar unrealistische Zielsetzungen zu großen Erfolgen und möglicherweise zu einer neuartigen Therapie führen können, ist das im Jahr 2013 von Karsten Henco mitgegründete deutsch-amerikanische Unternehmen Transimmune. Dessen Forschungen basieren auf den Beobachtungen und Erfahren des amerikanischen Krebsforschers Dr. Richard Edelson (Yale Universität), der in den 1990er-Jahren Menschen behandelte, die an einem sehr seltenen, in nahezu allen Fällen tödlich verlaufenden Hauttumor-Typ litten. Manche dieser Patienten wurden unter einer bestimmten Behandlung allerdings überraschenderweise wieder gesund, ohne dass der Arzt Edelson wusste, warum. „Auch hier war die Aufgabe, zunächst den Mechanismus dahinter zu finden, um ihn gegebenenfalls auf andere Krebsarten übertragen zu können“, erklärt Dr. Henco. Es gelang. Transimmune arbeitet jetzt daran, dendritische Zellen – diese sorgen einerseits dafür, dass das Immunsystem bei Bedarf funktioniert, andererseits schützen sie den Körper durch Toleranzvermittlung vor Autoimmunreaktionen – außerhalb des menschlichen Körpers gezielt immunologisch zu reprogrammieren und dem Patienten zurückzugeben. Denn aufgrund jahrelanger Forschung weiß man inzwischen, dass dendritische Zellen eine funktionelle Partnerschaft mit dem gesamten Immunnetzwerk eingehen und so beispielsweise gegen Krebs oder auch zur Verhinderung von Abwehrreaktionen nach Organtransplantationen eingesetzt werden könnten.
Das Unternehmen hat für weitere Forschungen, etwa zur Entwicklung entsprechender Medikamente, im vergangenen Jahr nicht nur eine Investition in Höhe von fünf Millionen US-Dollar von der Bill & Melinda Gates Foundation erhalten. Vielmehr wurde das Projekt auch in die erste CUREIT-Förderung des US-amerikanischen Präsidenten Biden aufgenommen, genannt „Cancer Moonshot-Programm“. Mit der Zuwendung von knapp 25 Millionen US-Dollar für das Projekt will US-Präsident Joe Biden den Kampf gegen den Krebs mit seiner teuren Forschungsinitiative beschleunigen. Diese Initiative kümmert sich übrigens nur dann um Produkte, wenn die Chance besteht, dass sie auch in Entwicklungsländern bezahlbar sind. Und auch für Karsten Henco ist neben Effizienz und Sicherheit die Bezahlbarkeit das wichtigste Ziel aller medizinischen Innovationen und neuartigen Therapien, die er mit seinem Unternehmen fördert, und in die er investiert.
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