Leise Revolution auf vier Rädern
Wer heute beispielsweise auf der Düsseldorfer Schloßstraße unterwegs…
Die Kunst des geschliffenen Vortrags: Das ist das Thema in allen Toastmasters Clubs weltweit. 2024 feiert das Konzept seinen 100. Geburtstag. Ein Besuch beim Düsseldorfer Club.
Als Toastmaster des Abends begrüßt Gladys Just die Teilnehmer.
Applaus! Jeder Beitrag wird mit ausgiebigem Klatschen belohnt, gleich, ob er gelungen ist oder noch Verbesserungspotenzial hat. Denn genau darum geht es bei den Düsseldorfer Toastmasters: Die Fähigkeit zur freien Rede stetig zu steigern und damit die Kommunikation, das Selbstvertrauen und die Führungskompetenz zu stärken. Der 2005 gegründete Club ist der größte Europas, das Rezept dazu wurde vor 100 Jahren in Amerika ersonnen. Heute gibt es mehr als 14.200 dieser besonderen Clubs in 148 Ländern. Und Mitglied werden bei dieser gemeinnützigen Bildungsorganisation, die über ein weltweites Netzwerk verfügt, kann jeder, egal, woher er kommt. „Dadurch ist es in allen Clubs so schön bunt“, sagt der Düsseldorfer Präsident Ivan Polak. „Die Toastmasters bieten für alle eine Bühne – ob Einsteiger, Fortgeschrittener oder Profi.“
Rund 40 Menschen haben sich an diesem Abend im Clubraum an der Hansaallee versammelt, ein paar sind per Teams zugeschaltet. Manche brauchen Anregungen, wie sie ihr Wissen besser transportieren können, andere wollen ihr Lampenfieber bekämpfen. „Man wird hier sehr schnell integriert und bekommt Hilfe angeboten“, sagt Miriam Willems. Seit Anfang des Jahres ist sie Clubmitglied, an diesem Abend versucht sie sich erfolgreich am Witz des Abends. Maria Glukhova-Arndt nimmt zum ersten Mal an einem der Clubtreffen teil. „Ich habe schon so einiges ausprobiert, auch schon Kommunikationstrainings, aber dabei kommt man nicht ins Reden“, sagt sie. Auch von der VHS würden Leute zu ihnen geschickt, berichtet Malte W. Wilkes, einer der Vizepräsidenten der Düsseldorfer Toastmasters. „Aber“, schränkt er ein, „wir können niemandem beibringen, wie er in drei Wochen eine Hochzeitsrede hält.
Reden lernt man nur durch Reden – das wusste schon Cicero.“ Wenn man es aber übe, seien die Effekte durchschlagend: „Ich erinnere mich an einen Legastheniker, der nach nur drei Monaten hier seine erste Rede gehalten hat“, sagt Wilkes. „Durch die Clubabende bekommt man einfach Routine, auf die Bühne zu gehen – und wird dadurch auch beruflich sichtbarer“, betont Gladys Just, ebenfalls im Präsidium. Um 19.30 Uhr begrüßt sie als Toastmaster des Abends die Gäste, dann geht es Schlag auf Schlag, das Programm ist durchgetaktet: Witz des Abends, Wort des Abends, Tipp des Abends, jeweils von unterschiedlichen Sprechern vorgetragen – nach festgelegten und einzuhaltenden Regeln. Deshalb hat Philipp Wirkotsch heute einen sehr wichtigen Job. Als Timekeeper achtet er darauf, dass jeder seine Redezeit einhält. Hält er eine grüne Pappe hoch, ist das Minimum erreicht, Gelb steht für das baldige Ende, und Rot zeigt an, dass man Schluss machen sollte, will man nicht 30 Sekunden später Schwarz sehen und damit aus der Abendwertung herausfallen.
Das Alternieren gehört zu den Prinzipien im Club: Das Präsidium wird jährlich neu gewählt. Auch die anderen größeren oder kleineren Aufgaben verteilen sich unter den Mitgliedern. „Das Konzept ist seit 1924 nie anders gedacht worden. Es gibt keine Trainer, keine Organisatoren. Alles, was im Club geschieht, muss aus sich selbst heraus geschehen – und das klappt auch“, betont Wilkes. Entsprechend wechseln die verschiedenen Rollen von Abend zu Abend.
„Wir treffen uns bis zu fünfmal monatlich – es gibt auch Hybrid-Abende und Abende auf Englisch“, sagt Ivan Polak. Außerdem werden Themenabende organisiert. So behandeln am Valentinstag alle Redebeiträge das Thema Liebe, bei der Dark Night muss man sich allein auf die Qualität seiner Rede verlassen, da die gestische und mimische Gestaltung wegfallen, und es gibt auch Debattierabende.
„Durch die Clubabende bekommt man einfach Routine, auf die Bühne zu gehen – und wird dadurch auch beruflich sichtbarer.“
Gladys Just, Vizepräsidentin
An diesem „ganz typischen Clubabend“ folgen auf die drei Warm-ups drei Stegreifreden zu jeweils vorgegebenen Themen. Diese stehen auch Nicht-Mitgliedern offen, die, so oft sie wollen, unverbindlich und kostenlos zu den Treffen kommen können. Allerdings sind vorbereitete Reden und das Lernmaterial „Pathways“, ein interaktives und flexibles Bildungsprogramm, den Mitgliedern vorbehalten.
Wer eine Stegreifrede halten will, hat eine halbe Minute Bedenkzeit, bevor er loslegen, bis zu zwei Minuten strukturiert und ansprechend improvisieren und bestenfalls das Wort des Abends – in diesem Fall „Frühlingsgefühle“ – sinnvoll in seinen Vortrag einbauen kann. Dieses sollte auch bei den fünf vorbereiteten Reden fallen – mal gelingt das gut, mal eben nicht – aber Spaß haben alle, ob Redner oder Zuhörer. Doch passives Zuhören genügt nicht: Schließlich sollen wirklich alle Redner dieses Abends – gleich in welcher Rolle – in geschützter Umgebung ein wertschätzendes, konstruktives Feedback bekommen. „Allein vor dem Spiegel zu Hause lernt keiner, Reden zu halten“, sagt Wilkes, und so hat das Auditorium nach jedem Beitrag 1,5 Minuten Zeit um zu verschriftlichen, was ihm gut gefallen hat und wo es noch Potenzial sieht – und verbessert durch das aktive Zuhören gleichzeitig seine Kommunikationsfähigkeit.
„Wir trainieren uns selbst, indem wir uns gegenseitig bewerten“, sagt Malte W. Wilkes, „dadurch wird der Club zu einer Community, in der man sich leicht freischwimmen kann.“ Wichtig sei vor allem, im Stehen zu reden. „Und“, ergänzt Hans-Christian Benedict, der an diesem Abend für die beste Bewertungsrede ausgezeichnet wird, „sich auf gar keinen Fall für seine Rede zu entschuldigen.“
Nach rund zwei Stunden intensiven, gezielten Redens – in der Halbzeit gibt es eine kleine Erfrischungspause – wird der offizielle Teil beendet: mit wohlwollendem Applaus, versteht sich.
Toastmasters allgemein: Nach eigener Einschätzung sind die Toastmaster die weltgrößte Non-Profit Organisation, um öffentliches Reden zu erlernen und damit Führungsfähigkeit zu erwerben. Und sie sind weltanschaulich und politisch unabhängig. In allen Clubs werden einmal im Jahr die Clubmaster in unterschiedlichen Disziplinen ermittelt. Es gibt darüber hinaus weitere Wettbewerbe bis hin zum Weltmeister.
• Toastmasters Düsseldorf: bis zu fünf Treffen pro Monat
• jeden 1. Mittwoch im Monat auf Deutsch;
• jeden Dienstag vor dem 2. Mittwoch: auf Deutsch (nur im Clubraum);
• jeden 2. Mittwoch im Monat: auf Englisch;
• jeden 3. Mittwoch im Monat: auf Deutsch;
• jeden 4. Mittwoch zweisprachig Deutsch/Englisch (nur Mitglieder, nur im Clubraum);
• in Monaten mit einem 5. Mittwoch: auf Deutsch.
Wer als Gast kostenlos und unverbindlich teilnehmen möchte, meldet sich unter www.duesseldorfer-toastmasters.de an.
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