Leise Revolution auf vier Rädern
Wer heute beispielsweise auf der Düsseldorfer Schloßstraße unterwegs…
Bei Vorhofflimmern handelt es sich um die häufigste Form von Herzrhythmusstörungen, die unter anderem Schlaganfälle begünstigt. Neueste Studien legen zudem einen Zusammenhang zwischen Herzrhythmusstörungen und Demenz nahe.
Professor Christian Meyer befragt seine Patientinnen und Patienten, wenn sie mit Herzproblemen zu ihm kommen, stets auch nach kognitiven Problemen.
Rund ein Drittel der Menschen entwickelt im Laufe des Lebens Herzrhythmusstörungen, am häufigsten handelt es sich um Vorhofflimmern – und zwar mit einer wachsenden Anzahl Betroffener weltweit. Die Häufigkeit steigt mit zunehmendem Alter. So ist etwa ab dem 80. Lebensjahr jeder Zehnte von Vorhofflimmern betroffen. Zudem gilt Bluthochdruck neben dem Alter als wichtiger Risikofaktor. Manche Menschen bemerken ihr Vorhofflimmern gar nicht, manche empfinden es als Herzstolpern oder Herzrasen, andere fühlen sich nicht mehr so belastbar und in ihrer Leistungsfähigkeit stark eingeschränkt. Sie leiden beispielsweise bei körperlicher Bewegung schnell unter Luftnot, können sogar ohnmächtig werden. Darüber hinaus erhöht Vorhofflimmern das Risiko, einen Schlaganfall zu erleiden, deutlich.

„Auch, wenn sich der Schutz vor dem gefährlichen Schlaganfall in den vergangenen zehn Jahren deutlich verbessert hat, ist er nach wie vor viel zu oft das Erstsymptom von Vorhofflimmern – und zwar sehr häufig immer noch mit schweren, langfristigen Einschränkungen“, erklärt Prof. Christian Meyer, Chefarzt der Klinik für Kardiologie am Evangelischen Krankenhaus Düsseldorf (EVK). Mithilfe hochmoderner 3-D-Kartierungssysteme sowie Analyseverfahren, die durch künstliche Intelligenz unterstützt werden, diagnostiziert und therapiert der Experte gemeinsam mit seinem Team am EVK nicht nur Vorhofflimmern, sondern auch Rhythmusstörungen in der Herzkammer auf höchstem internationalem Niveau. Aktuelle Daten, so der Kardiologe, legten nun nahe, dass es – auch bereits bei jüngeren Betroffenen unter 65 Jahren – infolge von Vorhofflimmern auch zu einer Abnahme kognitiver Fähigkeiten kommen könne, das Risiko, an einer Demenz zu erkranken, also steige.
„Bluthochdruck und Vorhofflimmern können zu nachlassender Gedächtnisfunktion führen.“
Prof. Christian Meyer, Evangelisches Krankenhaus Düsseldorf

Dieser mögliche Zusammenhang wurde in der Vergangenheit unterschätzt, rückt aber seit einigen Jahren zunehmend sowohl in den Fokus der Öffentlichkeit als auch wissenschaftlicher Untersuchungen. Ein guter Grund für Prof. Christian Meyer, seine Patientinnen und Patienten, wenn sie mit Herzproblemen zu ihm kommen, stets auch nach kognitiven Problemen zu befragen – und ihnen bei ausgeprägten Veränderungen einen Besuch beim Neurologen zu empfehlen. „Bluthochdruck und Vorhofflimmern können zu nachlassender Gedächtnisfunktion führen, und zwar altersunabhängig und sehr individuell“, erklärt er. Deshalb ist es wichtig, Risiken weitestgehend zu minimieren, also beispielsweise auf Nikotin zu verzichten, den Alkoholkonsum einzuschränken sowie Übergewicht zu vermeiden und auf eine ausgewogene Ernährung und genügend Bewegung sowie Schlaf zu achten. Die Vorstellung mental abzubauen, sei für die meisten Menschen nachvollziehbar schrecklich, so Meyer, deshalb seien sie bei einem Demenzrisiko oftmals eher bereit, vorzusorgen.
Wer bereits unter Bluthochdruck und Vorhofflimmern leidet, benötigt so früh wie möglich eine effektive Therapie. So bieten etwa blutverdünnende Medikamente nicht nur Schutz vor einem Schlaganfall, sondern vermutlich auch vor einer Demenzerkrankung. Zudem gibt es erste Hinweise darauf, dass durch eine Katheterablation nicht nur eine dauerhafte Rhythmusstabilisierung erreicht, sondern möglicherweise auch das Risiko für eine Demenz positiv beeinflusst werden kann. Bei einer Katheterablation wird das für die Herzrhythmusstörung verantwortliche Gewebe verödet und die „Zündkerzen“, wie Meyer die Extraschläge des Herzens gern nennt, werden ausgeschaltet. Um Vorhofflimmern frühzeitig zu erkennen, rät der Kardiologe dazu, ab dem 65. Lebensjahr regelmäßig selbst den Puls zu fühlen und bei Unregelmäßigkeiten ein EKG schreiben zu lassen.
„Es ist ganz wichtig, eine Demenz so früh wie möglich zu erkennen.“
Prof. Sebastian Jander, Marien Hospital Düsseldorf

Dass psychische Belastungen sich negativ auf die Herzgesundheit auswirken, Ängste und Depressionen zu Herzrhythmusstörungen und sogar zum Herzinfarkt führen können, dass Bluthochdruck das Risiko, an einer vaskulären Demenz oder an Alzheimer-Demenz zu erkranken, steigert, ist auch für Prof. Martin Haupt ein wichtiges Thema. So fragt der Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie Menschen, die mit kognitiven Störungen zu ihm kommen, stets auch nach kardiovaskulären Problemen und auch nach Diabetes, ebenfalls ein Risikofaktor für Demenz. „Da es sich bei einer vaskulären Demenz um eine Demenzentwicklung handelt, die auf Durchblutungsstörungen des Gehirns basiert, können blutverdünnende Medikamente helfen“, erklärt Prof. Haupt, der in Düsseldorf eine Privatpraxis mit dem Schwerpunkt auf Hirnleistungsstörungen betreibt.
Grundsätzlich, so der Experte weiter, sei es auch wichtig, viel zu trinken – davon profitierten Herz, Nieren und Hirn gleichermaßen. Die – beeinflussbaren – Risikofaktoren für eine Demenzerkrankung sind übrigens nahezu die gleichen wie für eine Herz-Kreislauf-Erkrankung und damit für Vorhofflimmern, nämlich neben Bluthochdruck beispielsweise mangelnde Bewegung, ungesunde Ernährung, Rauchen und Übergewicht. Mit einem gesunden Lebensstil lässt sich also oftmals nicht nur der Körper, sondern auch das Gehirn gesund erhalten. „Darüber hinaus sind Depressionen sowie mangelnde soziale Kontakte – ausgelöst übrigens nicht selten durch unbehandelte Schwerhörigkeit – Risikofaktoren“, so Haupt.
Auch wer zu Prof. Sebastian Jander, Chefarzt der Klinik für Neurologie am Marien Hospital Düsseldorf, in die Sprechstunde kommt, leidet primär unter neurologischen oder kognitiven Störungen. Die Abfrage kardiovaskulärer Risikofaktoren ist auch hier obligatorisch – und im Bedarfsfall kann dann vor Ort eine interdisziplinäre Behandlung sofort eingeleitet werden. Diese kümmert sich neben der Hirngesundheit um den Stoffwechsel sowie Herz und Kreislauf. Symptome für eine beginnende Demenz können Gedächtnisstörungen und eine Wesensveränderung, die Ablehnung von Kontakten oder Probleme beim Sprechen sein. Und auch, wer Gegenstände nicht mehr korrekt benennen kann, sollte unbedingt einen Facharzt aufsuchen. „Es ist ganz wichtig, eine Demenz – Zeichen der Alzheimer-Demenz und der vaskulären Demenz treten sehr häufig gemeinsam auf – so früh wie möglich zu erkennen“, erklärt Prof. Jander. Werde bereits in der frühesten Krankheitsphase, also bei einer nur leichten kognitiven Störung („mild cognitive impairment“, MCI), die Diagnose gestellt, gebe es gute Chancen für eine wirkungsvolle Therapie, die den Verlauf einer Alzheimer-Demenz verlangsamen könne, so der Neurologe weiter.
„Depressionen und mangelnde soziale Kontakte sind Risikofaktoren.“
Prof. Martin Haupt, Neuro Centrum Düsseldorf
Und auch wenn nach mehr als 20 Jahren Forschung demnächst mit der Zulassung weiterer Medikamente, die in der Frühphase der Krankheit Verschlechterungen hinauszögern können, zu rechnen ist, gilt es vorzusorgen: Risikofaktoren zu minimieren, Herzrhythmusstörungen wie Vorhofflimmern rechtzeitig zu behandeln – um einen Schlaganfall oder eine Demenzerkrankung möglichst zu vermeiden.
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