Leise Revolution auf vier Rädern
Wer heute beispielsweise auf der Düsseldorfer Schloßstraße unterwegs…
Bekannte Düsseldorfer Schauspieler wie Miriam Lahnstein, Ben Gageik, Aline Hochscheid, Julia Grafflage oder Markus Wilharm verbindet nicht nur ihre berufliche Passion, sondern auch ein entscheidendes Merkmal: Sie alle durchschritten jahrelang das Schultor des Goethe-Gymnasiums an der Lindemannstraße 57.
Fanden sich für eine Inszenierung mit Michael Stieleke und der Dramaturgin Gila Maria Becker (oben) zusammen (v.l. in Weiß): Fabienne Uwira, Ben Gageik, Yannic Vetter und Markus Wilharm sowie Lisa Kanthack (Kostüme) und Prof. Dr. Leonhard Menges (Fachberatung).
Surft man heute über die Website der Schule, dann fällt dem aufmerksamen Beobachter sofort der Button „Sprachlich-Künstlerischer Schwerpunkt“ ins Auge. Dahinter verbirgt sich nicht weniger als ein Tor in eine andere Welt. Der Schlüssel zu diesem Tor liegt zu einem nicht geringen Teil in den Händen der Mitglieder der schuleigenen Theater AG, die vor mehr als 40 Jahren ins Leben gerufen wurde und diverse professionelle Theater- und Filmschauspieler hervorgebracht hat. Ihr Gründer, Herz und Gehirn ist/war Studiendirektor a. D. Michael Stieleke, den wir am Rande einer Produktion seines aktuellen Freien Theaterensembles „Only ask Valery!“ in Flingern treffen.
Eine Handvoll Schauspieler probt dort für das Stück „Die Gerechten“ von Albert Camus, das einige Tage später im großen Saal der Freizeiteinrichtung Icklack aufgeführt wird. Das Besondere daran: Die Darsteller rekrutieren sich zum größten Teil aus Ehemaligen der „Theatergruppe am Goethe“, die mittlerweile mit der Schauspielerei ihren Lebensunterhalt bestreiten und für diesen besonderen Anlass aus Hamburg, Stockholm oder Berlin angereist sind, um unter der Regie ihres ehemaligen Mentors die schwierige Geschichte über junge Aktivisten zum Leben zu erwecken, die darüber diskutieren, wie weit man gehen sollte, um einen Tyrannen zu stürzen.

Da wäre zum Beispiel Markus Wilharm. „Als Michael Stieleke mich seinerzeit für den ‚Faust‘ von der Mittelstufengruppe in die Oberstufengruppe beförderte, war es um mich geschehen. Die Theaterwelt, die vielen Festivals, die wir besucht haben: Ich wusste einfach, dass ich das auch weiterhin machen wollte“, sagt der 41-Jährige, der nach dem Abitur den Weg zur Schauspielschule wählte und mittlerweile an Theatern in Bruchsal, Bregenz oder Salzburg die Bühnen bespielt und dessen Vita auch diverse Filmproduktionen aufweist.
„Die Theaterwelt, die vielen Festivals, die wir besucht haben: Ich wusste einfach, dass ich das auch weiterhin machen wollte.“ Markus Wilharm
Ähnlich geht es auch seinem Kollegen Ben Gageik (35), bekannt aus Filmen wie „Pixelschatten“, „Romeos“ oder der US-Mini-Serie „Das Damengambit“. „Ich habe nie in den Schulbetrieb hineingepasst, hatte immer Probleme damit, mich einzufügen und bin folgerichtig überall angeeckt. Als ich dann in der Schul-Theatergruppe landete, war das für mich tatsächlich der erste Ort, wo alles das, was sonst gestört hat oder zu viel war, plötzlich ausgelebt werden konnte. Zudem war die Gemeinschaft super. So richtig professionell wurde alles aber erst, als mich ein Agent anschrieb, nachdem er mich beim Schultheater-Festival ‚Maskerade‘ gesehen hatte. Er fragte mich, ob ich mir die Schauspielerei beruflich vorstellen könne. Ich habe dann noch während der Schulzeit ein paar Sachen fürs Fernsehen gemacht. So hat eigentlich alles angefangen.“
Im Interview berichtet der Erfinder der Maskerade Michael Stieleke über die Geschichte der Theater-AG und darüber, was den Zauber ausmacht, der ihre Akteure antreibt.

Herr Stieleke, wer hatte die verrückte Idee, ein künstlerisches Großprojekt wie die Theater-AG am Goethe-Gymnasium zu erschaffen?
Der Anfang 1983 war eigentlich recht unspektakulär. Schülerinnen und Schüler aus der Jahrgangsstufe 11 wollten Theater spielen und haben mich und andere Lehrkräfte gefragt, ob sie mitmachen. Die anderen Lehrer wollten spielen, ich nicht. Und dann war da die Position der Spielleitung zu besetzen, und die hatte ich dann (lacht). Ich hatte allerdings gar keine Ahnung von dieser Aufgabe. Erst im Laufe der Zeit habe ich mich fortgebildet und die Leidenschaft für das Theater entwickelt, die die entscheidende Voraussetzung für meine weitere Arbeit war. Die war zu Beginn nicht vorhanden, ich wollte einfach nur dabei sein und gemeinsam mit den anderen im Team arbeiten und eine Inszenierung zur Aufführung bringen. Theater hatte mich bis dahin überhaupt nicht interessiert. Mein Interesse als Jugendlicher und Student galt dem Sport. Vorbild für meine Theaterarbeit am Goethe war ein Lehrer aus meiner eigenen Schulzeit, der den Jugendlichen wichtige Aufgaben übertrug und sie machen ließ. Gespielt habe ich zum ersten und auch letzten Mal 1984. Der Darsteller des Oberon im „Sommernachtstraum“ war ausgefallen und ich musste kurzfristig einspringen.
Wurde von Beginn an der Plan geschmiedet, vieles anders zu machen als an anderen Schulen?
Das kann man für den Anfang so nicht sagen. Die ersten Jahre waren ein Ausprobieren. In der Regel immer eng am Text und ohne größere konzeptionelle Überlegungen. Der Spaß am Spiel bestimmte die Arbeit. Später ging es darum, sich viel anzusehen, andere Formen zu erleben und auszuprobieren und so eine eigene erkennbare Handschrift zu entwickeln und Schultheater als eine besondere Form des Theaters zu etablieren. Und dabei manchmal auch unerwartete Wege zu gehen. 2009 arbeiteten wir an Schillers „Don Carlos“ und wussten nicht, wie wir den Schluss gestalten sollten. Mein Vorschlag war, ihn aus dem Reclam-Heft in verteilten Rollen schlicht lesen zu lassen. Zu Beginn waren alle dagegen, aber als wir es gemacht haben, hat es wunderbar funktioniert.
Wann hat das Theaterfestival Maskerade, an dem neben dem Goethe-Gymnasium auch viele Theater-AGs anderer Schulen teilnahmen, erstmals stattgefunden?
1990. Zunächst war geplant, die Maskerade jährlich auszutragen. Aber wir merkten recht schnell, dass dieser Rhythmus vom Aufwand her nicht zu stemmen war. Nirgendwo wird ein Schultheater-Festival über eine Woche – parallel zum normalen Unterricht – aus einer Schule heraus organisiert. Anderswo sind es Profibühnen, die vergleichbare Treffen ausrichten. Also beschlossen wir 1991, das Ganze alle zwei Jahre zu veranstalten. In den Jahren gewachsen und in ihren Strukturen erprobt, ist die Maskerade ein sachkundig und mit viel Herz durchgeführtes Treffen geworden. 2013 habe ich zum letzten Mal die Veranstaltung betreut, 2015 übernahm meine Kollegin Sinje Sybert mit ihrem Team.
Den Stellenwert des Festivals konnte man unter anderem an Ihrer Funktion ablesen.
Ich wurde 1995 Studiendirektor für die Koordination des sprachlich-künstlerischen Bereichs mit Schwerpunkt Theater. Eine solche Funktionsstelle gibt es meines Wissens nur ganz wenige in NRW. Maskerade existiert nach wie vor, und das schulische Profil wird am Goethe auch weiter klar über sprachlich-künstlerische Themen gebildet.
Können Sie sich noch daran erinnern, wie das Schulprofil damals entstanden ist?
Ich glaube, es war im Jahr 2000, als der damalige Kulturdezernent Hans-Heinrich Grosse-Brockhoff die Idee hatte, dass Schulen Profile bilden sollten, damit Eltern und Kinder eine darauf basierende bewusste Wahl für eine bestimmte Schule treffen können. Die damalige Schulleiterin Renate Glenz hat die Chance gesehen, ein künstlerisches Profil zu bilden und das Thema Theater dabei prominent in den Fokus zu rücken. Ich erinnere mich daran, dass bei der Maskerade 2003 jede Menge Stadtprominenz im Publikum saß. Es waren da: der Oberbürgermeister, die Generalintendantin des Schauspielhauses, der Intendant des FFT, der Chef des Tanzhauses NRW und weitere Prominenz der Stadtverwaltung. Meine Chefin wollte mich zwingen, eine Pause zu machen, damit sie mit den Offiziellen der Stadt sprechen konnte, die danach erfahrungsgemäß die Veranstaltung verließen. Darauf hatte ich keine Lust, aber sie war nun mal die Chefin. Also habe ich die Pause eingelegt. Nach zwölf Minuten. Anschließend habe ich die Szene nochmal wiederholen lassen und das Stück beendet. Markus Wilharm hat damals in dem Stück den Achill gespielt.
Wie viele professionelle Schauspieler sind insgesamt aus der Theatergruppe hervorgegangen?
Ich würde sagen, rund 20. Zwei sind aktuell auf der Schauspielschule in Bochum. Aber es sind nicht alle dabei geblieben. Für „Die Gerechten“ sind einige zurück in ihre Heimat gekehrt und einer Herzensangelegenheit gefolgt.
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