Leise Revolution auf vier Rädern
Wer heute beispielsweise auf der Düsseldorfer Schloßstraße unterwegs…
Das Image des spießigen Weintrinkers ist längst Geschichte. Heute steht der Spaß am Getränk im Vordergrund, die Szene ist jung und modern – das zeigen auch vier Beispiele aus Düsseldorf.
Wein zieht bei Weitem nicht mehr nur gesetztes Publikum an. Auch junge Leute haben Spaß daran – Weinbars liegen im Trend.
Die neue inoffizielle Weinmeile am Carlsplatz ist um eine Adresse reicher: In der ehemaligen „The Photo Gallery Paffrath“ haben die drei Freunde Lars Lünenstraß, Alexandros Manakos und Daniel Titus Grimm im Sommer 2023 das Vino’s eröffnet. In Erinnerung an den vorherigen Mieter hängt Kunst an der Wand, die Einrichtung ist schick, die Auswahl groß – und doch ist diese Weinbar ganz anders, als sie zunächst scheint. Im Vino’s wird dem Spießer-Image des Weintrinkers der Kampf angesagt, „Easy Drinking“ ist das Motto der Stunde – es geht also nicht primär darum, edle Jahrgangstropfen auszuprobieren, sondern unkomplizierte, süffige Weine zu trinken.
„Wein muss Spaß machen“, sagt der 25-jährige Lars Lünenstraß. Ein paar besondere Jahrgangsweine gebe es zwar im Sortiment, „aber wenn jemand mit ganz genauen Vorstellungen zu uns kommt, verweisen wir auch mal auf umliegende Weinbars. Wir sehen sie nicht als Konkurrenz“. Genauso locker und unprätentiös verläuft auch die Zusammenstellung der Weinkarte: in Abstimmung mit den Gästen. Regelmäßig wird nachgefragt, welche Weine besonders geschmeckt haben: Wird eine Sorte mehrmals genannt, kommt sie auf die Karte. Zurzeit arbeiten die drei Freunde an einem eigenen Wein, über den Namen waren sie sich unschlüssig und entschieden, auch hier die Gäste in den Findungsprozess einzubeziehen. Das geht deshalb so gut, weil sich nach der Eröffnung schnell eine Stammkundschaft zusammengefunden hat. „70 Prozent unserer Gäste sind Frauen zwischen 24 und 40“, berichtet Lünenstraß.
Und weil nach ein paar Gläschen Wein an einem Samstagabend viel erzählt wird, hat er erfahren, dass traditionelles Speed-Dating bei den meisten Frauen nicht mehr allzu beliebt ist. So kam dem Freunde-Trio die Idee für ein neues Format: Wein-Dating. Fünf Mal hat die Veranstaltung, bei der sich zwölf Männer und zwölf Frauen „ohne komische Namensschilder“, aber dafür mit jeder Menge Wein anmelden können, schon stattgefunden. Mit Erfolg: Ein Paar hat sich bei Vino’s bereits gefunden.
Das Einzigartige an Concept Riesling ist und bleibt der Standort, da sind sich die beiden Geschäftsführer Björn Schwethelm und Nico von der Ohe einig. Zwischen Blumen, Wurst und Trockenobst gedeiht die kleine Weinbar auf dem Carlsplatz, die gleichzeitig auch Vinothek ist, seit sechs Jahren prächtig. Schwethelm und von der Ohe sind sich der Besonderheit ihres Standortes auch deshalb so bewusst, weil sie die Geschichte kennen: Erst seit 2017 darf auf dem Marktplatz Alkohol ausgeschenkt werden, nachdem sich Carlsplatz-Geschäftsführer Heiner Röckrath dafür eingesetzt hatte. Ohne diese Entscheidung hätte es Concept Riesling, das 2017 von Philipp Kutsch gegründet wurde, so nicht gegeben.
Und auch der Carlsplatz wäre wohl nie das geworden, was er heute ist: ein Hotspot für Foodies, die auch aus dem Umland angereist kommen. „Viele Marktkonzepte scheitern, auf dem Carlsplatz hat sich glücklicherweise alles zum Positiven entwickelt“, sagt von der Ohe. Mittlerweile gehört Concept Riesling zum festen Inventar des florierenden Marktes, viele Kunden kommen spontan vorbei, viele aber auch gezielt, weil sie das Konzept überzeugt. Wie es der Name schon verrät, gibt es hier die besten Rieslinge Europas, ohne Zusatzstoffe und nachhaltig produziert von Familien-Weingütern, die ihr Handwerk verstehen. Schwethelm und von der Ohe kennen ihr Sortiment, das auf wenigen Quadratmetern mehr als 1.300 sowohl moderne als auch gereifte Weine umfasst, in- und auswendig – den unerfahrenen Studenten können sie genauso gut beraten wie den weinliebenden Anwalt. Dahinter steckt eine Menge Arbeit: Weinmessen, Weiterbildungen und Besuche von Weingütern gehören für sie zum Job, ebenso wie die Auseinandersetzung mit aktuellen Entwicklungen wie dem Klimawandel, mit dem sich Weingüter befassen müssen. Wen die Hintergründe der Weinherstellung interessieren, kann an einer der über 100 Veranstaltungen teilnehmen, die Schwethelm und von der Ohe jährlich anbieten. Und wer einfach nur ungezwungen ein Gläschen Wein an der frischen Luft trinken will, stattet den beiden montags bis samstags bis 21 Uhr einen Besuch ab.
„Wein muss Spaß machen“, sagt Lars Lünenstraß, einer der drei jungen Geschäftsführer vom Vino’s in der ehemaligen „The Photo Gallery Paffrath“ am Carlsplatz.
Kakhaber Gabeleia kann nicht mit 100-prozentiger Sicherheit sagen, dass er die einzige Weinbar Deutschlands betreibt, die ausschließlich georgische Weine anbietet – auch wenn ihm das letztens ein Gast bestätigt hat. Kakhaber an der Rethelstraße ist aber definitiv die einzige georgische Weinbar in Düsseldorf. Gabeleia brennt aus gutem Grund für die Weine aus seiner Heimat. Georgien gilt als Ursprungsland des Weins, der Weinbau hat dort seit über 8.000 Jahren Tradition. Bei der Herstellung, die mittlerweile zum immateriellen Unesco-Weltkulturerbe gehört, werden sogenannte Qvevri verwendet, große Amphoren, die für einige Monate in den Boden eingelassen werden. Dort wird der Wein vergoren und auf Maische gelagert.
„Das Ergebnis sind sehr aromatische Weine mit intensivem Rebengeschmack ohne Zusatzstoffe und Chemikalien“, sagt der Weinbar-Inhaber. Obwohl Qvevri-Weine in Georgien schon lange zum Kulturgut gehören, haben sie nur langsam ihren Weg nach Europa gefunden. Ein Großteil des Angebots befindet sich in Gabeleias Sortiment: Mehr als 100 Weine von rund 60 georgischen Winzern lagert er in seiner kleinen Weinbar, darunter sind auch sehr kleine Winzer mit unter einem Hektar Anbaufläche vertreten, die nur um die 1.000 Flaschen pro Jahr herstellen. Dazu gibt es Köstlichkeiten aus der Heimat, zum Beispiel georgische Tapas. Genauso beliebt ist die Käseplatte, auch wenn sie zurzeit noch nicht mit georgischem Käse zubereitet werden kann. Da Georgien nicht in der EU ist, dürfen bestimmte Lebensmittel nicht nach Deutschland importiert werden. Gabeleia ist aber zuversichtlich: „Bald gehören wir sicherlich zu EU – dann gibt es hier auch georgischen Käse.“
Kurz bevor Dorina Sill ihren Eiskeller vor gut neun Jahren eröffnete, machte sie sich Gedanken über die Klientel: „Ich wollte nicht, dass sich hier nur Wein-Snobs treffen“, sagt sie. Dass ihre Sorgen unbegründet waren, weiß Sill, wenn sie sich an einem Samstagabend in ihrer Vinothek umschaut. Im Eiskeller ist so gut wie immer ein bunter Haufen vorzufinden – von der 20-jährigen Studentin, die sich mit ihren Mädels trifft, bis hin zum gestandenen Ehepaar, das sich nach einem Symphoniekonzert in der Tonhalle noch einen Wein gönnt. Bedienen können die ausgebildeten Sommeliers des Eiskellers alle, 400 Weine stehen dafür zur Auswahl, über die Hälfte davon ist bio. Aber auch konventionelle Weine gibt es im Sortiment.
„Wir sind da nicht dogmatisch – wir versuchen einfach nur, gute Weine zu finden“, sagt sie. Bei der Eröffnung im Jahr 2015 war der Eiskeller die einzige reine Vinothek in Düsseldorf, Weinbars hatte es vorher nur in Kombination mit Restaurants gegeben. Ein Wagnis, das gelungen ist: „Wir hatten Glück, dass Weine in dieser Zeit immer beliebter geworden sind.“ Auch die Weinbranche habe einen Imagewandel hinter sich, sei heute viel offener und lockerer. Und doch würden sich bis heute Gäste bei ihr entschuldigen, wenn sie sich mit Wein nicht ganz so gut auskennen. „Das müssen sie gar nicht. Bei mir steht nicht der Wein im Vordergrund, sondern die Menschen, die ihn trinken“, sagt die 47-jährige Geschäftsführerin.
Sie müssen den Inhalt von reCAPTCHA laden, um das Formular abzuschicken. Bitte beachten Sie, dass dabei Daten mit Drittanbietern ausgetauscht werden.
Mehr InformationenSie sehen gerade einen Platzhalterinhalt von reCAPTCHA. Um auf den eigentlichen Inhalt zuzugreifen, klicken Sie auf die Schaltfläche unten. Bitte beachten Sie, dass dabei Daten an Drittanbieter weitergegeben werden.
Mehr Informationen