Leise Revolution auf vier Rädern
Wer heute beispielsweise auf der Düsseldorfer Schloßstraße unterwegs…
Es sind außergewöhnliche Spaziergänge, die der Kunsthistoriker und Galerist Klaus Siepmann anbietet: Das Top Magazin begleitete ihn auf einer dreistündigen Tour durch die berühmten Bars und Künstlerkneipen in der Carlstadt und Altstadt – und erfuhr dabei so manches Geheimnis.
Kunsthistoriker und Galerist Klaus Siepmann in der Rekonstruktion des legendären Underground Clubs Creamcheese im Kunstpalast
Wohl kaum einer weiß mehr über Düsseldorf als er. Klaus Siepmann kennt die Landeshauptstadt wie seine Westentasche. Die Düsseldorfer Stadtgeschichte zählt zu seinen Fachgebieten, da macht ihm niemand etwas vor. Denn der Kunsthistoriker und Galerist beschäftigt sich seit seiner Jugend mit Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft seiner Heimatstadt. Ob in Fragen zu Kunst, Wirtschaft, Architektur oder Industriegeschichte – seine Expertise wird gerne in Anspruch genommen, seine Vorträge und Exkursionen sind sehr beliebt bei Jung und Alt, bei Führungskräften und Vorständen namhafter Unternehmen.

An diesem Mittag haben wir uns mit dem 58-Jährigen am KIT zu einem Spaziergang der besonderen Art verabredet. Von hier aus, in unmittelbarer Nähe zum Familienministerium und der alten Staatskanzlei am Horionplatz, wollen wir uns auf die Spuren berühmter Bars und Künstlerkneipen begeben – einige davon existieren schon sehr lange, andere nur noch in der Erinnerung. Klaus Siepmanns Augen beginnen zu leuchten, als er uns von den Anfängen des Rheinufertunnels, der Fertigstellung der Promenade 1995 und von KIT – Kunst im Tunnel berichtet, ein Raum, der zwischen Röhren für den Tunnelverkehr liegt und 2007 als außergewöhnlicher Treff für zeitgenössische Kunst eröffnet wurde.
Das sichtbare Entree von KIT – ein verglaster Pavillon auf der Rheinpromenade – beherbergt seit 2011 auch das „KIT Café“. Ein Ort, den die Düsseldorfer besonders im Frühjahr und im Sommer lieben, wenn der Blick von der Terrasse direkt auf Vater Rhein beim Kaffee oder zum Feierabend bei einem Glas Wein oder Bier zum Chillen einlädt. „Durch das Café gelangen die Besucher über eine Treppe beziehungsweise einen Aufzug in den unterirdischen Ausstellungsbereich“, erklärt Siepmann. „2006, im Jahr der ersten Düsseldorfer Quadriennale, wurde das Architektenbüro Fritschi/Stahl/Baum mit dem Konzept für die Realisierung eines unterirdischen Ausstellungsraums beauftragt.“ Ein großartiger Ort zum Auftakt unserer dreistündigen Tour …

Weiter geht es zum nahe gelegenen K21 im Ständehaus. Doch wir sind heute nicht da, um ein letztes Mal die spektakuläre Netzinstallation „in Orbit“ von Tomás Saraceno zu bestaunen, die nach zehn Jahren abgebaut wird. Unser Ziel ist das „Pardo’s“. Die Kult-Bar wird von Lemonpie Eventcatering betrieben und zählt für uns zu den ganz besonderen Locations in Düsseldorf, die durch ein extravagantes Design und abwechslungsreiche Gastronomie ihre Gäste optisch wie kulinarisch verwöhnt.
Wir machen uns auf den Weg in Richtung Graf-Adolf-Platz. Hier, im ehemaligen Rheinbahn-Pavillon, der lange Zeit den „Berliner Imbiss“ beherbergte, öffnete gerade mal vor einem Jahr das Imbiss- und Barkonzept „Pelican Fly“, bei dem Pommes und Wein kein Widerspruch zu sein scheinen. Im Gegenteil, laut Speisekarte eine gelungene Liaison, die hier variantenreich zelebriert wird.

Wir laufen weiter, vorbei am GAP, das einst das legendäre „Monkey’s Plaza“ mit drei Restaurants vom früheren Kunsthändler Helge Achenbach beherbergte und in dem heute das „Alex“ residiert, hinein in die Carlstadt und Altstadt, die Stadtviertel, in denen sich früher Künstler jedweder Couleur die Klinke in die Hand gaben. Auch hier weiß Klaus Siepmann die eine oder andere Anekdote zu berichten, die wahrscheinlich nur wenigen Düsseldorfern bekannt sein dürfte. Wir machen Halt vor der „Destille“ an der Bilker Straße, die, 1971 gegründet, noch immer mit regelmäßigen Konzerten und Jazz-Musik ihr Stammpublikum begeistert. An der Bäckerstraße macht uns der Kunsthistoriker auf das „Bistro Zicke“ aufmerksam, in dem sich einst Künstler und Intellektuelle zum regen Austausch trafen. Aus längst vergangener Zeit erzählen noch alte Ausstellungs- und Kinoplakate, die wohl seit der Eröffnung in 1981 die Wände zieren und stark vergilbt ihren ganz eigenen Charme versprühen. Hat was!


Wir können leider nicht jeden historisch interessanten Ort an diesem Tag aufsuchen. So erzählt uns Klaus Siepmann die Geschichten von der einstigen Gaststätte „Zum Wilddieb“ an der Hohe Straße, heute wäre sie wahrscheinlich eine beliebte Erlebnisgastronomie, die durch Sprüche wie „… bürgt für eine erbärmliche Küche, lauwarme Getränke, schlampige Bedienung, aber erstklassige Preise“ noch heute vielen ein Begriff ist, oder „Bims Marktwirtschaft“ am Carlsplatz (heute „Café de Bretagne“), beliebter Treffpunkt Düsseldorfer Journalisten, wo gerne Prominente aus Kunst, Kultur und Politik interviewt wurden.
Auch erfahren wir, dass sich Siepmanns Galerie an der Citadellstraße 10 in gastronomisch berühmter Gesellschaft befindet. „Gleich nebenan, im Haus Nummer 12, gab es einst die Brauerei ,Im Sonnenaufgang‘, die 1838 der gelernte Bierbrauer Joh. Matthias Schumacher für damals stolze 1702 Thaler, 13 Groschen und sechs Pfennige erwarb.“ Wir staunen, was wir über unsere Stadt so alles nicht wissen und ziehen nachdenklich weiter, vorbei an „Et Kabüffke“ an der Flinger Straße, da, wo der berühmte Killepitsch ausgeschenkt wird. Besonders charmant: Da die Kneipe so klein ist, wie der Name bereits verrät, können Durstige ihre Bestellung über eine Durchreiche im bleiverglasten Schaufenster ordern. Zeit für einen kurzen Blick hinein sollte trotzdem schon sein, denn die Deckenmalerei, die von der Mini-Empore am besten zu bewundern ist, zeigt traditionelle Düsseldorfer Radschläger.

Uns treibt es weiter zum Burgplatz, Ecke Mühlenstraße. Der bildende Künstler, Tänzer und Regisseur Daniel Spoerri, der als Begründer der „Eat Art“ gilt, eröffnete an dieser Stelle 1968 sein gleichnamiges Restaurant. Bei seinen sogenannten „Tableaux pièges“ fixierte der Schweizer mit rumänischen Wurzeln die Überreste von Mahlzeiten mit Kunstharz auf Tischplatten, um sie wie ein Gemälde an die Wand zu hängen. Das gefiel der damals sehr progressiven Kunstszene. Die gab sich hier ein Stelldichein – unter anderem Joseph Beuys, André Thomkins und Günther Uecker – die dann auch ab 1970 in der angeschlossenen Eat Art Galerie ausstellten. Doch das sind längst vergangene Zeiten. 1972 war es mit dem Restaurant „Eat Art“ schon wieder vorbei.
Schräg gegenüber, im ehemaligen Land- und Amtsgericht, befindet sich heute das „Andreas Quartier“. Hier kann man nicht nur luxuriös wohnen. Wer im „Wohnzimmer Düsseldorfs“ einen schönen Abend verbringen oder vielleicht auch nur einen Drink oder eine Kaffee-Spezialität genießen möchte, hat im AQ eine Vielzahl an Möglichkeiten. Ob frühstücken im „The Wellem“, dinieren im „Pitti – Cucina Italiana“, in „The Court – Bar & Grill“, im „Mbassy by Franks“ (an der Ratinger Straße), im „Mutter Ey Café“ oder in der „20° Restobar“: Hier wird jeder etwas für sich finden. Wir sind erschlagen von dem pompösen Lobby-Bereich mit der royal anmutenden gigantischen Treppe, die noch an Zeiten erinnert, als hier Recht gesprochen wurde.
Nur wenige Meter weiter erreichen wir den „Salon des Amateurs“ im Gebäude der Kunsthalle. Vom Architektenbüro rheinflügel umgebaut und 2004 von den Künstlern Stefano Brivio, Aron Mehzion und Detlef Weinrich als Nachtclub für avantgardistische Musik gegründet, ist der ehemalige Ausstellungsraum mit lediglich 17 Meter Länge und sieben Meter Breite im Stil einer modernistischen Lounge gestaltet. Hier treffen sich vor allem künstlerisch Interessierte zu Live Acts und außergewöhnlichen Bühnenshows abseits des Mainstreams.
„Und hier gab es einst das legendäre ungarische Kult-Restaurant ,Zum Czikos‘“, so der Kunsthistoriker. „Hier erprobte sich etwa Literaturnobelpreisträger Günter Grass als Jazzmusiker oder auch mal gerne als Türsteher, bevor er nach Berlin ging.“ Wir befinden uns vor einem kleinen Restaurant mit spanischem Namen „Los Chicos“ an der Andreasstraße, schräg gegenüber vom „Weinhaus Tante Anna“. Dieses Haus sei einst ein beliebter Künstlertreff gewesen. Neben Grass seien auch Günther Uecker und Germán Becerra, alle drei damals in der Klasse von Otto Pankok an der Kunstakademie Düsseldorf, hier ein- und ausgegangen, berichtet Siepmann. „In Erinnerung an diese Zeit gab der Wirt Otto Schuster ein Bild bei den Malern Franz Witte und Germán Becerra in Auftrag, auf dem die Stammgäste, insgesamt 55 Personen, davon 35 Künstler, verewigt wurden. Der Roman von Günter Grass ,Die Blechtrommel‘, der 1959 erschien, wurde Namensgeber für dieses Werk, das man übrigens im Stadtmuseum besichtigen kann.“
Wo heute das Café de Bretagne steht, war einst Bims Marktwirtschaft, beliebter Treffpunkt Düsseldorfer Journalisten.
Wir sprechen an diesem Tag noch über viele schöne und historisch bedeutende Orte, philosophieren über den „Ratinger Hof“, schlendern an der „Eiskeller Weinbar“ vorbei und sind uns einig, dass im Sommer der Sundowner auf der Terrasse der Tonhalle besonders gut schmeckt – bei dieser herrlichen Aussicht!
Unsere letzte Station ist wahrscheinlich auch die außergewöhnlichste auf unserem Spaziergang: Wir besuchen das legendäre „Creamcheese“, eher gesagt die rekonstruierte Fassung im Kunstpalast am Ehrenhof. 1967 wurde das Original an der Neubrückstraße 12 unweit der Kunstakademie eröffnet. Die Idee zu dieser Bar, die Treffpunkt für die Kunst- und Musikszene wurde, hatte Günther Uecker, als er von einem New York-Aufenthalt zurückkam. Dort hatte er Andy Warhols Club „The Dom“ besucht, in dem nicht nur gefeiert und getanzt, sondern auch der Kunst eine Bühne geboten wurde. Uecker konzipierte das Programm, andere zeichneten für die Ausstattung verantwortlich. „Heinz Mack etwa entwarf die Theke samt Spiegel, Gerhard Richter malte das Wandbild, Ferdinand Kriwet entwickelte Projektionen“, sagt Siepmann. Zahlreiche Künstler – darunter auch Joseph Beuys – nutzten das Creamcheese für ihre Performances. Und sogar Frank Zappa trat 1970 dort auf, nach dessen Kunstfigur Suzy Creamcheese der Club benannt wurde. Und auch hinter der Theke sorgten namhafte Künstler wie Katharina Sieverding, Imi Knoebel und Blinky Palermo dafür, dass das Bier floss.
1978 erwarb der Kunstpalast schließlich die künstlerische Innenausstattung, in der wir beinahe ein bisschen ehrfürchtig Platz nehmen. Das Licht flackert, 24 alte Monitore sorgen in Schwarz-Weiß für eine skurrile Atmosphäre. Ein Blick auf die damalige Cocktailkarte lässt uns allerdings schmunzeln: Namen wie „Dark ‘n strong“, „Pornstar Martini“ oder „el-eS-De“ lassen Hochprozentiges erahnen. Dazu läuft im Hintergrund „Riders in the Storm“ von den Doors. Da sind die guten alten Sixties and Seventies fast greifbar …
Noch immer geflasht von so viel Informationen beenden wir unsere „Kult-Tour“ am Ehrenhof. Jetzt heißt es erst einmal, die gesammelten Eindrücke sacken zu lassen – und das am besten bei einem leckeren Cappuccino – Möglichkeiten dazu haben wir ja genug in Düsseldorf, und auch noch mit so vielen Geschichten …
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