Leise Revolution auf vier Rädern
Wer heute beispielsweise auf der Düsseldorfer Schloßstraße unterwegs…
„Vor dem Essen gibt’s Theater“ lautet das Motto der Theaterkantine. Die Zuschauer werden dort ganz zwanglos zum Teil der Inszenierungen, zu denen auch ein jeweils passendes Menü gehört.
Bundmöhren statt Brautstrauß: Auch Clowneskes findet in der neuen Inszenierung von Heike und Rüdiger Fabry seinen Platz.
Erklimmt der Gast die mit roten Windlichten beleuchtenden Treppenstufen, begibt er sich in eine kleine Zauberwelt. Indirekte Beleuchtung in unterschiedlichen Farben nimmt den Besucher im Foyer der Theaterkantine in Empfang. An der Bar warten gekühlte Getränke, an den kunterbunt bestuhlten größeren und kleineren Sitzgruppen stehen Naschereien für den kleinen Hunger bereit. Zwanglos – die Garderobe wird im Self-Service genutzt – ist ein Stichwort, liebevoll dekoriert ein weiteres – sogar das stille Örtchen ist ausgesprochen sehenswert. Und: Wer die Theaterkantine auf dem Gewerbehof Alte Farbwerke betritt, ist nicht nur Besucher, sondern wird dort Teil der ganz besonderen Inszenierungen. „Wir spielen nach dem Clownsprinzip, also ohne vierte Wand“, sagt Heike Fabry, die mit ihrem Mann Rüdiger die Theaterkantine leitet. „Das bedeutet, das Publikum ist ein ganz wichtiger Teil des Bühnengeschehens, es ist so, als würden wir zu Hause Freunden etwas erzählen. Das lieben wir, und das lieben auch unsere Gäste, weil sie so Verbindung zu uns bekommen.“
Seit 23 Jahren verfolgt die Theaterkantine das Konzept, das bereits drei Umzüge von Zwischennutzung zu Zwischennutzung überstanden hatte, bevor es 2012 auf dem Gelände an der Ronsdorfer Straße ein festes Zuhause auf rund 600 Quadratmetern fand. Aus der Tatsache, dass der erste Spielort eine ausgediente Kantine war, erklärt sich übrigens auch der Name des Theaters, aber nicht nur: „Ich koche und bewirte leidenschaftlich gern“, sagt Heike Fabry, die sich zu jeder Inszenierung ein passendes Menü einfallen lässt, das Koch Jamiyan Chinzorig, genannt „Chinzo“, umsetzt. Schließlich lautet das Motto der Privatbühne: „Vor dem Essen gibt’s Theater“. „Chinzo kam mal für ein Jahr als Au-pair aus der Mongolei zu uns, studierte dann Germanistik und holte viele seiner Freunde her“, sagt Heike Fabry. Heute hat die Theaterkantine 30 Mitarbeiter, „eigentlich ist es ein Kreis von Freunden, die miteinander Spaß haben – wir essen mittags immer zusammen, und einmal im Jahr machen wir gemeinsam eine Woche Urlaub.“ Finanziert wird die Reise durch ein Siebtel der Trinkgelder – die Übernachtungskosten übernimmt das Ehepaar Fabry. „Danach haben wir alle ein ganz anderes Gemeinschaftsgefühl.“
An der Ronsdorfer Straße beginnt ein Theatertag um 8 Uhr morgens mit dem Eindecken, gekocht wird ab 11, und ab 13 Uhr kümmert sich die Chefin um die Feinheiten. Die Gäste treffen ab 19 Uhr ein, haben Zeit, in Ruhe anzukommen, bevor sie von Heike und Rüdiger Fabry in Gestalt ihrer Bühnenfiguren Rosa und Viktor begrüßt werden. Die Lässigkeit der beiden Schauspieler geht spontan auf die Zuschauer über. Im neuen Stück „Flieh mit mir zum Mond“ zeigen sie Szenen ihrer Liebe – mal albern, mal absurd, mal realistisch, mal ernst und tiefgründig und mal tragisch – in denen sich das Publikum wiedererkennt. Und wenn es zu bedrückend wird, brechen die Künstler die Beklemmung auf.
Nach der Schule hatte Heike Fabry zum Theater gewollt, war aber an allen Schauspielschulen abgelehnt worden. Bei einem Clownsseminar lernte sie ihren Mann, der ursprünglich Städteplaner war, aber den Beruf an den Nagel gehängt hatte, um auf der Bühne zu stehen, als ihren Lehrer kennen – und lieben. Das war vor 37 Jahren. Kurze Zeit später gründeten die beiden ihr politisches Kinder- und Jugendtheater „Theater Till“. „Aber irgendwann wollte ich auf der Bühne von mir selbst erzählen“, sagt Heike Fabry. So entstand in Zusammenarbeit mit einem gemeinsamen Freund, dem Schweizer Schauspieler Thomas Gisiger, der auch heute noch zweimal monatlich in der Theaterkantine zu erleben ist, das erste Stück: „Rosa“.
Dabei nimmt Heike Fabry die Zuschauer mit in ihre Küche und erzählt auch hier ganz persönlich von ihren mal geglückten, mal nicht ganz so geglückten Amouren. Etwa von der Verliebtheit in einen Dressman, den sie auf der Igedo traf. „Das ist eine so schöne Geschichte“, sagt sie, „die werde ich nicht leid, zu erzählen. In jedem Stück sind Anteile von uns, und ich freue mich immer, sie wiederzusehen. Ich gehe darin spazieren, und dadurch bleibt es lebendig. Und wir lernen auch durch die Gespräche mit unseren Zuschauern“, sagt Heike Fabry. „Sie sollen sich bei uns wie zu Hause fühlen. Vor allem liebe ich es, wenn sie sich in unserem Spiel wiedererkennen, wenn nachher jemand zu uns sagt ,du hast mich gespiegelt. Das hat mir gutgetan‘.“ So verschwimmen die Grenzen zwischen Bühnengeschehen und Publikum – auch in der jüngsten Produktion. Es wird viel gelacht, etwa als Viktor von einer missglückten Einladung in die bessere Gesellschaft berichtet, und es wird sehr still, als er sich wegen Rosas Flucht in eine neue Liebe zu trösten versucht. Und mit der letzten Flucht des Abends, der in die Küche, leitet Rosa zum kulinarischen Teil über, bei dem sie die Speisen ankündigt, Viktor beim Servieren hilft, und die Gäste sich über das soeben Erlebte austauschen.
Die Zuschauer, nicht die Schauspieler, bekommen bei „Flieh mit mir zum Mond“ übrigens zwei Vorhänge, zudem gibt es für sie einen roten Teppich, zwei lange, festlich gedeckte Tafeln, und die Statistenrolle, die eine Espressomaschine in einer Szene spielt, wird am Ende des Abends zu einer Hauptrolle ausgebaut. Es sind eben die vielen kleinen durchdachten Details und die bezaubernden Gastgeber, die einen Abend in der Theaterkantine zu einem so besonderen Erlebnis machen, dass die Vorstellungen immer auf Monate im Vo-raus ausgebucht sind, und zwar rein durch Mundpropaganda.

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